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Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

16. Dezember 2013

Sterlet

Fisch des Jahres 2014

Der kleinste heimische Stör rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit

Aktueller Artikel von wwf Österreich: http://www.wwf.at/de/menu27/subartikel2740/
 
Mittellaufbecken mit Sterlet,
© Landesmuseum Niederösterreich, Foto: B. Gramm

Die Ursprünge unserer heutigen Störe liegen unglaubliche 200 Millionen Jahre zurück, in der Blütezeit der Dinosaurier. Als der bekannte Archaeopteryx seine ersten Flugversuche machte, gab es bereits seit 50 Millionen Jahre Störe! Selbst die gigantische Aussterbewelle vor rund 65 Millionen Jahren haben diese Fische überlebt.
Im 21. Jahrhundert könnten diese Erfolgsmodelle der Evolution aber scheitern. Denn heute übernimmt der Mensch die Rolle von einschlagenden Kometen.

Die Störe der Donau …

Waxdick © Landesmuseum Niederösterreich,
Foto: M. Schaar
Ursprünglich lebten mit dem Sterlet noch vier andere Störarten in der niederösterreichischen Donau. Drei von ihnen (Hausen, Waxdick, Sternhausen) waren aber nur Gäste auf Zeit. Sie kamen aus dem Schwarzen Meer und wanderten die Donau nur zum Ablaichen hinauf. Die größten Exemplare mit bis zu 8 m Länge und 1500 kg Gewicht brachten der Hausen hervor!



… und ihr Niedergang

Die Störe der Donau waren schon weit vor der Römerzeit begehrte Beute. Mit Netzen, Angeln und Sperrsystemen wurde ihnen nachgestellt. Im 16. Jahrhundert sollen an manchen Marktagen in Wien bis zu 450 Hausen mit einem Gesamtgewicht von rund 50 t angeboten worden sein. Spätestens ab dem beginnenden 19 Jh. zeigten sich aber deutlich die Folgen der Überfischung. Während 1830 am Wiener Fischmarkt noch täglich bis zu 15 Störartige angeliefert wurden, waren sie um 1850 am Markt nur noch Raritäten. Ab 1899 schienen die größeren Störarten in den Marktberichten Wiens nicht mehr auf.

Der letzte von fünf

Heute sind die aus dem Schwarzen Meer heraufziehenden Störe durch die Donaukraftwerke endgültig von ihren Laichgründen abgeschnitten.
Geblieben ist der Sterlet. Er ist mit maximal 1 m Länge die kleinste Störart. Als Süßwasserbewohner kann er sich in der durch Kraftwerke unterteilten Donau halten.
Die von ihm bevorzugten Donauabschnitte mit deutlicher Strömung findet er innerhalb Österreichs aber nur noch in der Wachau und im Nationalpark Donau-Auen unterhalb von Wien.

Urtümliches Aussehen

Wie seine nächsten Verwandten hat auch der Sterlet (Acipenser ruthenus) ein „urtümliches“ Aussehen. Die unsymmetrische Rückenflosse erinnert ein wenig an die mancher Haie. Kräftige Knochenplatten verlaufen in fünf Reihen über dem Körper und verleihen ihm ein wehrhaftes Äußeres.
An der Unterseite ihrer spitz auslaufenden Schnauze findet sich die Mundöffnung, die ausstülpbar ist. Vor ihr liegen 4 fadenartige Barteln. Diese Sinnesorgane, die beim Sterlet an der Spitze ausgefranst sind, helfen beim Aufspüren von Bodenkleintieren wie Würmern, Krebsen, Weichtieren und kleinen Fischen.
Photos.com, Foto: Mijau

Botschafter für eine andere Zeit

Damit eine 200 Millionen Jahre dauernde Erfolgsgeschichte nicht in unserer Zeit zu Ende geht müssen nicht die Störe ihr, sondern wir unser Verhalten ändern. Wasserkraft wird zu den erneuerbaren, also „guten“ Energiegewinnungsmethoden gezählt. Doch auch sie hat ihre Opfer. Ihre Kosten sind eine Zerschneidung und Veränderung heimischer Gewässer. Ein sparsamer, bewusster Umgang mit Energie ist sicher „fischfreundlicher“, als ein weiterer Ausbau.
Und schon zu den kommenden Festtagen können wir den uralten Botschaftern aus der Dinosaurierzeit unsere Referenz erweisen. Eine festliche Weihnachtstafel, ein beschwingter Jahreswechsel kommt doch sicher auch ohne Kaviar, den verarbeiteten Störeiern, aus!?

Text: Mag. Norbert Ruckenbauer
Literaturhinweis:
• Gerstmaier, R.; Romig T. (2003) Die Süßwasserfische Europas für Angler und Naturfreunde. Franckh-Kosmos Verlag
http://www.oekf.at/oekf-aktuell/oekf-aktuell/ (Stand 10.12.2013)
• Mikschi, Ernst (2006) Vom Hausen und der Donau. pp. 134 – 139. In: Bauer, Martina; Ebner Horst (2006) „Echt tierisch. Was sieht der Mensch im Tier“ Ausstellungskatalog Heldenberg in Kleinwetzdorf.
• Waidbacher H. (2002) Niederösterreichische Fischfauna – eine bemerkenswerte Artenvielfalt. pp. 196 – 197. Aus: Niederösterreichisches Landesmuseum (Hrsg. ) (2002) Natur im Herzen Mitteleuropas. Landesverlag, St. Pölten

Fastenbräuche

Weihnachtskarpfen und Martini-Gans


Was sich aufs Erste wie eine Speisekarte eines Schlemmer-Menüs anhört, hat jedoch auf den zweiten Blick mit den kirchlichen Fastenvorschriften früherer Zeiten zu tun. Auch die Ausrottung des Bibers in Europa hängt mit der Fastenzeit zusammen, genauso wie die fast bei jedem Kloster vorhandenen Fischteiche. Grund genug also, sich mit dem Phänomen Fasten und dessen Auswirkung auf die Natur und bis heute erhaltene Gebräuche ein wenig zu beschäftigen.


Die Martini-Gans

Gänse, photos.com, Foto: dzika_mrowka
Wer kennt und liebt es nicht? Wenn draußen der Winter immer mehr Einzug hält und sich die Sonne immer weniger zeigt, vermag ein Martini-Ganserl samt staubigem Wein unser Gemüt zu trösten. Namensgebend für dieses Festmahl ist der Heilige Martin: Als ihn die christliche Gemeinde 371 zum Bischof von Tours erwählen wollte, empfand er sich als nicht würdig und versteckte sich der Legende nach in einem Gänsestall. Das Geschnatter der Gänse verriet ihn jedoch, weshalb es den „verräterischen“ Gänsen daher am Martinstag, dem 11. November, seither an den Kragen geht. Der Hintergrund für diese üppige Speise ist abseits der Legende jedoch ein anderer: Ähnlich wie in der österlichen Bußzeit kannte die Kirche bereits seit der Spätantike auch vor Weihnachten eine 40-tägige Fastenzeit. Fasten in altkirchlicher Tradition bedeutet den Verzicht auf Fleischspeisen und Laktizinien, sprich eine rein vegane Ernährung. Der Martinstag war somit die letzte Gelegenheit, vor dem Weihnachtsfest noch einmal eine saftige Portion Fleisch zu sich zu nehmen.
 

Fasten im Advent?

Die Adventzeit ist heutzutage wohl alles andere als eine Fastenzeit in unseren Breiten, wie die vielen Punschhütten und Adventmärkte belegen. Auch wenn seit dem frühen 20. Jahrhundert das Fasten im Advent in der katholischen Kirche nicht mehr zwingend vorgeschrieben ist, so weist doch die liturgische Farbe violett, wie sie in der Kirche und auf dem Adventkranz verwendet wird, noch auf den besinnlichen Charakter dieser Zeit hin. In der orthodoxen Kirche wird besonders in den Klöstern die Fastenzeit vor Weihnachten noch beachtet. In der Ostkirche nennt sich diese Fastenzeit vor Weihnachten das „Philippus-Fasten“, benannt nach dem Apostel Philippus, an den die Ostkirche am 14. November gedenkt und dessen Fest den Beginn des vorweihnachtlichen Fastens markiert. Hier fällt auf, dass in der frühen Kirche der Advent länger dauerte als heutzutage. Diese 40 Tage des Advents, wie früher üblich, haben sich übrigens in der Diözese Mailand erhalten, wo es nach wie vor 6 anstatt der bei uns bekannten 4 Adventsonntage gibt.

Liturgischer Adventkranz,
© Landesmuseum Niederösterreich, Foto: B. Gramm

Kathreins-Tanz

In Verbindung mit der sogenannten „geschlossenen Zeit“ vor den hohen christlichen Festtagen Weihnachten und Ostern, in der nicht getanzt und geheiratet werden durfte, steht auch ein anderer Brauch: der Kathreinstanz. Ältere Semester werden sich noch an folgenden Spruch erinnern: „Kathrein stellt den Tanz ein“: Der Gedenktag der Heiligen Katharina von Alexandrien am 25. November markierte den Beginn der „stillen Zeit“. Daher wurde rund um diesen Tag in früheren Zeiten gerne ein letztes Kränzchen veranstaltet, um sich vor dem Advent noch einmal dem Tanzvergnügen hingegen zu können.

Weihnachtskarpfen und Co.

Karpfen im Donaubecken,
© Landesmuseum Niederösterreich, Foto: M. Schaar
Gerade der köstliche Waldviertler Karpfen hat in den letzten Jahren eine Renaissance des Weihnachtskarpfens eingeleitet. Der Ursprung dieser Tradition erklärt sich aus dem vorher Genannten: In den Fastenzeiten seit jeher erlaubt war die Konsumation von Fisch. Daher war es naheliegend, auch am Heiligen Abend, der ja noch zum Advent gehört, einen besonders zubereiteten, fettreichen Fisch zu verzehren. Die Advent-Fastenzeit endete mit der Mette zu Mitternacht am Heiligen Abend. Von daher erklärt sich auch der Brauch in vielen Gegenden Österreichs, nach der Christmette Würstel oder eine kräftige Fleischsuppe zu sich zu nehmen. Damit wurde aus Freude über die Geburt Christi die lange Zeit des Fleischverzichts seit dem Martini-Gansl beendet.


Heringsschmaus

Der heute oft zu einem üppigen Fischbuffet verkommene Heringsschmaus hat ähnliche Wurzeln wie das Martini-Gansl. Gegen Ende der im Mittelalter bezeichneten festa bacchanalia (nomen est omen), sprich unserem heutigen Fasching, wurde als Einstimmung auf die fleischlose Zeit vor Ostern gerne Fisch gegessen. Gerade die Fastenzeit vor Ostern wurde bis ins 20. Jahrhundert auch bei uns streng gehalten. Wer aus Gründen der Gesundheit oder aufgrund Fischmangels nicht auf den Verzehr von Fleisch verzichten konnte, musste beim Bischof um eine Dispens ansuchen. In der Zeit der Gegenreformation wurde als Betonung der katholischen Konfession besonders auf die Einhaltung des Fleischverzichts durch die Obrigkeit geachtet, wer „Fleisch auskochte“ musste mit Strafen rechnen. Religiöse Verbote bieten natürlich immer auch eine willkommene Gelegenheit, sie trickreich zu umgehen. So stellte sich in der Ostkirche und hier besonders in Russland die Frage, ob auch Kaviar an Fasttagen gegessen werden darf. In unseren Breiten beschäftigte man sich im ausgehenden Mittelalter mit der Frage, wie denn der Genuss von Biber und Fischotter zu handhaben sei. Das Konzil von Konstanz (1414–1418) erklärte sowohl Biber als auch Fischotter als zulässige Speise der Fastenzeiten und die Theologische Fakultät von Paris erklärte noch Mitte des 18. Jahrhunderts, dass besonders der zum Schwimmen verwendete Biberschwanz als Fisch anzusehen ist und daher konsumiert werden darf. Von daher ist es verständlich, dass sowohl Biber als auch Fischotter stark bejagt wurden, was zu ihrer Dezimierung beitrug. Auch gibt es das Gerücht, dass man ganze Schweineherden ins Wasser getrieben habe, um sie dann als Fisch zu deklarieren. In der Reformationszeit wandte man sich gegen die teilweise pervertierten Fastenvorschriften, am bekanntesten wohl durch das berühmte Zürcher Wurstessen im Jahr 1522, das den Beginn der Reformation in der Schweiz markiert.

Fasten und Natur

Die sich seit der frühen Kirche immer weiter ausdehnenden Fastentage –so wurde auch vor anderen hohen kirchlichen Festen zumindest zur Vigil, sprich am Vortag, gefastet – führten dazu, dass gegen Ende des Mittelalters rund 130 Tage im Jahr gefastet wurde. In den orthodoxen Kirchen gelten diese Vorschriften bis heute, werden allerdings meist nur in den Klöstern wirklich eingehalten. Der Aspekt des Fastens hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt: Fasten wird heute als Teil einer bewussten Ernährung, Entschlackung und als Teil einer Wellness-Kur gesehen, wie die zahlreichen Angebote für Fastenwochen belegen. Heute leistet das Fasten auch einen Denkanstoß für einen bewussten Umgang mit der Natur und unseren Ressourcen. Anders als in früheren Zeiten, wo sich nach dem Winter vor Ostern meist ohnehin von selbst aufgrund von Lebensmittelknappheit die Fastenzeit einstellte, kann uns das Fasten heute auch für einen solidarischen Umgang mit hungernden Menschen auf dieser Welt sensibilisieren. 

Text: Mag. Dr. Johannes Kritzl