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14. November 2013

Igel

Ein gern gesehener Gast in unseren Gärten

Weiß oder braun?

Igel, photos.com, Foto: Gustav Bergman
Spricht man vom Igel, so ist in Österreich meist der Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) gemeint. Dabei ist er nicht die einzige heimische Igelart. Denn in Österreich überlappt sich das Verbreitungsgebiet des Braunbrustigels (der in West- und Teilen Nordeuropas vorkommt) mit jenem des Nördlichen Weißbrustigels, den man in Osteuropa antrifft. Die beiden Arten unterscheiden sich in der Fellfarbe von Brust und teilweise auch Kehle. Ansonsten aber ähneln sie einander stark in Aussehen und Verhalten. Beide bevorzugen strukturreiche Gebiete mit unterschiedlicher Vegetation. Da jedoch in Regionen mit intensiver Land- und Forstwirtschaft solche Lebensräume oft rar sind, nutzen Igel als sogenannte Kulturfolger heute gerne Gärten und Parks. Ihr Streifgebiet kann eine Größe von bis zu 1 km2 umfassen. Es kann sich mit dem Aktionsraum anderer Igel überlappen und wird nicht gegen Artgenossen verteidigt. Igel sind friedliche Einzelgänger, die einander lieber aus dem Weg gehen.

Kleiner Insektenfresser mit großem Appetit

Igel erreichen eine Größe von  bis zu 30 cm und ein Gewicht von 800 bis 1.500 Gramm, wobei die Männchen größer und schwerer sind als die Weibchen. Sie gehören – genau wie zum Beispiel Maulwürfe und Spitzmäuse – zur Gruppe der Insektenfresser. Neben verschiedenen Insekten und deren Larven fressen sie aber auch Tausendfüßer, Spinnen und Schnecken. Beobachten kann man sie bei der Futtersuche allerdings nur selten, denn Igel schlafen am Tag und jagen in der Nacht. Sie müssen während des Sommers ausreichend Fett als Reserve für den Winter ansetzen. Denn während des Winterschlafs kommen sie bis zu sechs Monate ohne Futter aus. Dabei verlieren die Tiere ein bis zwei Fünftel ihres Körpergewichts. Um die kalte Jahreszeit unbeschadet zu überstehen, müssen junge Igel deshalb mindestens ein halbes Kilogramm auf die Waage bringen.

Stachelkleid

Igel, Foto: M. Schaar
Das wohl auffälligste Merkmal des Igels sind seine Stacheln, die Kopfoberseite und Rücken bedecken. Es handelt sich bei diesen Stacheln um nichts anderes als umgewandelte Haare. Sie sind hohl und bei einem erwachsenen Tier zwischen 2 und 3 cm lang und rund 2 mm dick. Da sie genau wie gewöhnliche Haare aus Keratin bestehen, sind sie fest, aber zugleich biegsam und können sogar Stürze aus einiger Höhe abfedern. Während ein neu geborener Igel nur etwa 100 noch sehr weiche Stacheln besitzt, sind es bei einem ausgewachsenen Tier zwischen 6.000 und 8.000. Sie bilden einen äußerst wirksamen Schutz gegen Feinde: Bei Gefahr zieht ein Igel zunächst seine Stirnstacheln wie ein Visier über die Augen. Dann rollt er sich mit Hilfe eines Ringmuskels zu einer Kugel zusammen und stellt die Stacheln auf. Dieser Abwehrmechanismus funktioniert aber nur bei den natürlichen Feinden des Igels, wie zum Beispiel bei Greifvögeln oder Füchsen. Gegen Autos oder Landmaschinen bietet das Stachelkleid allerdings keinen Schutz.

Schwache Augen, feine Nase, gutes Gehör

Die Augen des Igels sind entsprechend seiner nächtlichen Lebensweise eher schwach. Jedoch besitzen Igel einen hervorragenden Gehör- und Geruchssinn. Anders als Menschen hören sie auch im Ultraschallbereich. Ihre Nahrung identifizieren die Tiere mit dem sogenannten Jacobsonschen Organ – einem speziellen Geruchsorgan im Gaumendach. Duft- beziehungsweise Geschmacksmoleküle werden mit der Zunge aufgenommen und mit diesem zusätzlichen Sinnesorgan geprüft. Oft hört man den Igel dann laut schnüffeln, schmatzen und schnaufen. Denn Igel riechen nicht nur an für sie attraktiven Gegenständen, sie kauen auch darauf herum. Dabei bildet sich ein schaumiger Speichel, der zu den Sinneszellen des Jacobsonschen Organs befördert wird. Diese vermehrte Speichelbildung ist ganz natürlich und hat absolut nichts mit Tollwut zu tun!

Igelkarussell

Nach Ende des Winterschlafs, im April oder Mai, beginnt bei den Igeln die Paarungszeit, die sich bis in den Hochsommer erstreckt. Igelmännchen legen während dieser Zeit oft große Distanzen zurück, um ein paarungsbereites Weibchen zu finden. Sie umkreisen die Auserwählte unter lautem Schnaufen und Grunzen. Da sich das Weibchen zunächst vom Männchen abwendet, drehen sich die beiden Tiere im Kreis. Man bezeichnet dieses Verhalten, das oft mehrere Stunden dauern kann, als Igelkarussell. Nach erfolgreicher Paarung (bei der das Weibchen die Stacheln eng an den Körper legt, um das Männchen nicht zu verletzen) verlässt das Männchen seine Partnerin. Das Weibchen kümmert sich allein um die Aufzucht der zwei bis zehn Jungen, die nach etwa 35 Tagen Tragzeit geboren werden. Die jungen Igel sind zunächst noch blind und taub und wiegen nur 12 bis 25 Gramm. Sechs Wochen lang werden sie von der Mutter gesäugt. Danach ernähren sie sich selbständig. In nur einer einzigen Nacht können Igelkinder bis zu 10 Gramm zunehmen! Das ist wichtig, damit sie ihren ersten Winter gut überstehen.

Winterschlaf

Igel, photos.com, Foto:  Marek Tihelka
Um den Nahrungsmangel während der kalten Jahreszeit zu überbrücken, halten Igel Winterschlaf. Dieser Winterschlaf dauert (abhängig von der Region und den klimatischen Verhältnissen) von November bis Ende März / Anfang April. Die Tiere suchen dazu ein geeignetes Winterquartier, wie zum Beispiel einen Laub- oder Reisighaufen auf. Während des Winterschlafs werden sämtliche Körperfunktionen auf ein Mindestmaß gedrosselt: Ihr Stoffwechsel wird bis zu hundertmal langsamer. Die Körpertemperatur sinkt von 36° auf rund 5° C. Das Herz schlägt nur noch etwas mehr als 10mal in der Minute und die Atemfrequenz sinkt auf rund 5 Atemzüge pro Minute. Igel verschlafen jedoch nicht den ganzen Winter am Stück. In der Regel wachen sie zwischenzeitlich auf, bleiben aber in ihrem Nest. Erst wenn die Außentemperatur im Frühjahr wieder längere Zeit über 10°C liegt, wird der Winterschlaf beendet. Die Durchblutung wird erhöht, Atem- und Herzfrequenz steigen. Durch Muskelzittern erreicht der Igel wieder seine normale „Betriebstemperatur“.

Igel in Gefahr

Igel, Foto: M. Schaar
Gegen seine natürlichen Feinde schützt sich der Igel sehr erfolgreich mit seinem Stachelkleid. Vielen anderen Gefahren ist er jedoch schutzlos ausgeliefert. So sind Igel mittlerweile auf der Roten Liste der geschützten Tiere Österreichs als gefährdet bis stark gefährdet ausgewiesen. Vor allem die Verarmung der Landschaft und der damit einhergehende Verlust von geeignetem Lebensraum machen den Tieren zu schaffen. In intensiv land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebieten fehlt es an den nötigen Strukturen (wie zum Beispiel Hecken oder insektenreichen Magerwiesen). Siedlungs- und Straßenbau schränken den Lebensraum des Igels weiter ein. Zudem reagieren Igel sehr empfindlich auf den Einsatz von Düngern und Pestiziden. Vor allem aber auf unseren Straßen kommen jährlich unzählige Igel zu Tode.

Erste Hilfe?

Am besten kann man Igel unterstützen, indem man für eine Verbesserung ihres Lebensraums in Siedlungsbereichen sorgt – etwa dadurch, dass man einen Teil des Strauch- und Baumschnitts liegenlässt oder andere Unterschlupfmöglichkeiten  bietet. Gefahrenstellen (wie zum Beispiel Schächte oder Schwimmbecken) sollten entschärft werden. Auf den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sollte man so weit als möglich verzichten. Nicht notwendig ist es dagegen, einen gesunden Igel aus falsch verstandener Fürsorge den Winter über in Pflege zu nehmen. Eine solche Betreuung ist nur bei deutlich zu leichten, kranken oder verletzten Tieren sinnvoll und muss stets fachkundig erfolgen.

Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

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