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Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

31. März 2016

ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH St. Pölten

BERNHARD LEITNER. TON - RAUM – SKULPTUR

05/03/2016 – 31/07/2016

Mit der Ausstellung "BERNHARD LEITNER. TON - RAUM - SKULPTUR", die am 4. März 2016 in der Shedhalle St. Pölten eröffnet wurde, bespielt die Zeit Kunst Niederösterreich ein letztes Mal Hans Holleins spektakulären Bau mit dem namensgebenden, so charakteristischen Sägezahndach. Mit dem Ende der Schau am 31. Juli 2016 wird die Zeit Kunst ihre Pforten am Standort St. Pölten schließen, um dem Haus der Geschichte Niederösterreich Raum zu geben.


Ausstellungsansicht © Foto: Christoph Fuchs

Auf Einladung Alexandra Schantls zeigt der 1938 in Feldkirch geborene Bernhard Leitner Werke von den späten 1960er Jahren bis zur Gegenwart. Der Künstler beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit der Frage, wie Raum akustisch und körperlich erlebbar gemacht werden kann. Die von Florian Steininger, dem designierten Künstlerischen Leiter der Kunsthalle Krems, kuratierte Schau setzt mit Leitners Ton-Raum-Untersuchungen der Jahre 1969-1975 ein, in denen der Künstler, der damals in New York lebte, Notationen entwickelte, die ein System akustisch-räumlich-körperlicher Wahrnehmung begründen. Dabei versteht Bernhard Leitner eine Aufeinanderfolge von Tönen nicht als Melodie, sondern als Material, mit dessen Hilfe er fühlbare Räume erzeugt.

Ton-Liege © Foto: Daniel Hinterramskogler
Besonders attraktiv wird die Ausstellung dadurch, dass ein Begehen der Installationen Bernhard Leitners durch die BesucherInnen ausdrücklich erwünscht ist. So ist dieser eingeladen, auf der ab 1974 entwickelten Ton-Liege Platz zu nehmen, bei der die Lautsprecher am Kopf- und Fußende einer Art von Liegestuhl angebracht sind, wodurch der Körper des Liegenden selbst zur schwingenden Form wird. Charmant ist, dass sich auch einige der Originalobjekte aus den 1970er Jahren in der Ausstellung befinden, die interessanten Vintage-Charakter haben. Diese zählen zu den wenigen Exponaten, die nicht berührt werden dürfen.
Dass Bernhard Leitner auch an einer Aneignung des Raumes durch Tanz interessiert ist, zeigen seine ab 1975 entwickelten Ton-Anzüge, bei denen Tänzer den Ton in Gestalt mehrerer Klangquellen leibhaftig am Körper tragen und in ihren Performances elastische Räume schaffen, die sich ihren Bewegungen folgend erweitern oder zusammenziehen. An der Wand findet sich dazu ein erstaunlich modern wirkendes Zitat des romantischen Dichters Novalis, das die zugrundeliegende Philosophie begreiflich macht: "Bewegungsspiel - Freude an mannigfaltigen Bewegungen. Tanzspiel. Maschinenspiel. Elektrischer Tanz."


Ausstellungsansicht © Foto: Christoph Fuchs
Doppelwiege © Foto: Christoph Fuchs
Beim körperlichen Hören wird der tiefe Celloton der Doppelwiege aus dem Jahr 1976 mit den Sohlen aufgenommen, im Ton-Feld IV von 1995 reicht der Ton, der über zwölf Lautsprecher unter zwölf Granitsteinen hervorkommt, bis zu den Knien. In der 2007 entstandenen Pulsierenden Stille bewegt sich der Besucher zwischen zwei sehr eng hängenden Metallplatten hindurch, von denen tiefe Frequenztöne ausgehen, die den Besucher durchdringen und ihn in klaustrophobischer Umklammerung umfassen. Fast greifbar wird der Ton in den eigens für die Shedhalle entworfenen Klang-Spiegelungen aus dem Jahr 2016, in denen der Betrachter versucht ist, nach den akustischen Bildern auf den Reflektoren der kleinen Parabolspiegel, die hier zu Sendern werden, zu greifen. Was alle Installationen gemeinsam haben, ist, dass der Besucher zu einem Ganzkörperhören hingeführt wird, in dem die Grenzen des Raumes durch ihn selbst hindurchgehen.

Bernhard Leitner, Klangstein, seit 2003 im St.Pöltener Kulturbezirk © Atelier Leitner
Viele von Bernhard Leitners Werken eignen sich auch bestens für die Aufstellung im öffentlichen Raum. So ist sein Klangstein seit 2003 im Kulturbezirk St. Pölten in unmittelbarer Nähe zur Shedhalle zu sehen. Wie sehr die Installationen des Künstlers den Betrachter zu verblüffen vermögen, zeigt die Tatsache, dass Besucher immer wieder nach dem Wasserstrahl suchen, den Bernhard Leitner als Hörbild auf einen schwarzen, spiegelnden Monolithen projiziert.



© Foto: Christoph Fuchs
Im Kerber Verlag erscheint ein zweibändiger, reich bebilderter Katalog im Schuber mit Texten von Florian Steininger, Bernhard Leitner und Stefan Fricke. Band 1 befasst sich mit der Ausstellung "TON - RAUM - SKULPTUR", Band 2 mit dem Atelier des Künstlers in Ravelsbach, einer ehemaligen elektrischen Getreidemühle, die den atmosphärischen Rahmen für Bernhard Leitners durchaus raumgreifende Installationen bildet.
Das Ende der Zeit Kunst Niederösterreich in St. Pölten stimmt nach vielen seit 2012 realisierten, gelungenen Ausstellungen wehmütig. Ein Trost ist es dabei, dass die Zeit Kunst an ihrem zweiten Standort, der Dominikanerkirche in Krems, heuer noch die Ausstellung "ELISABETH VON SAMSONOW. TRANSPLANTS" eröffnet, die vom 5. Juni bis 16. Oktober 2016 zu sehen sein wird.


Text: MMag. Ursula Düriegl

7. März 2016

Kriegsschauplatz Niederösterreich „… daß man in Österreich schier ohne forcht gelebet hat“


So steht es auf den ersten Seiten des Tagebuchs, das Balthasar Kleinschroth, der Präfekt der Heiligenkreuzer Sängerknaben, verfasst hatte und in dem er seine abenteuerliche Flucht quer durch Niederösterreich schilderte. Als nachts der Feuerschein brennender Dörfer bereits vom herannahenden Feind kündete, war er mit den zehn ihm anvertrauten Knaben aufgebrochen. Der Ausgang der Reise war ungewiss. Deshalb nahm er wie so viele in dieser hoffnungslosen Zeit Zuflucht bei der Gottesmutter Maria. Im Falle eines glücklichen Endes gelobte er, eine Schilderung der Ereignisse niederzuschreiben und sie der „Schwarzen Maria“ nach Altötting zu bringen.
Einnahme Perchtoldsdorf durch die Osmanen 1683 (Detail)

Jakob Dietzinger, 1700; Perchtoldsdorf, Rathaus

© Elisabeth Vavra
Waren es falsche Informationen, die Hoffnung auf einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen, die man gerade in Konstantinopel führte, Beschwichtigungspolitik der Herrschenden, vielleicht auch die typisch österreichische Mentalität, in brenzligen Situationen den Kopf in den Sand zu stecken – oder eine Mischung aus allen, wir wissen es nicht. Das rasche Herannahen des osmanischen Heeres überraschte nicht nur die Zivilbevölkerung: Kaiser Leopold befand sich Anfang Juli 1683 auf der Hirschjagd. Quartier hatte er in einem Bürgerhaus in Perchtoldsdorf genommen. Als er abends von der Pirsch zurückkam, erlebte er eine böse Überraschung: Perchtoldsdorf wurde von Flüchtlingen überschwemmt.

Am 1. Juli waren die Tartaren noch an der Raab gestanden. Am 3. Juli waren sie bereits bei Bruck an der Leitha. Diese Vorauskommandos – die „Renner und Brenner“, auch Akindschi (=Stürmer) genannt  – waren schnell. Sie waren ein undisziplinierter Haufen wilder Krieger, die sich zwar für reguläre Kämpfe nicht eigneten, aber bestens dafür, die Bevölkerung des angegriffenen Landes in Angst und Schrecken zu versetzen und die Versorgungslinien zu unterbrechen. Im Kampf beherrschten sie alle Tricks und Taktiken der Steppenreiter; ihre Waffe war der Reflexbogen.
Einnahme Perchtoldsdorf durch die Osmanen 1683 (Detail)
Jakob Dietzinger, 1700; Perchtoldsdorf, Rathaus
© Elisabeth Vavra

Am 7. Juli kam es im Raum Petronell-Regelsbrunn zum ersten Aufeinandertreffen von Kaiserlichen und Tartaren, die für die Kaiserlichen unrühmlich verlief. Man zählte ca. 300 Gefallene. Das Gefecht war zwar im Ganzen betrachtet unbedeutend, es wirkte sich aber demoralisierend auf die Wiener Bevölkerung aus. Wer es sich leisten konnte, floh aus der Stadt, an die 60.000 Menschen sollen es gewesen sein. An der Spitze der Herrscher, seine Familie und der Hofstaat. Zur Ehrenrettung Kaiser Leopolds I. muss allerdings gesagt werden, dass es von ihm taktisch richtig war, Wien zu verlassen, auch wenn es ihm bei den Wienern Spott und Hohn einbrachte. Aus einer belagerten Stadt heraus wäre es ihm nie gelungen, den Widerstand gegen das osmanische Heer zu organisieren. Sieben Tage danach war der Belagerungsring um Wien geschlossen.

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz Niederösterreich", Foto: Gerald Lechner
In der Folge wurde die Verteidigung des Viertels unter dem Wienerwald aufgegeben, die Garnisonen abgezogen. Ausnahmen bildeten nur St. Pölten und Wiener Neustadt, Klosterneuburg sowie Herzogenburg. Den Einwohnern der unbefestigten Dörfer blieb nur die Flucht in einen befestigten Ort oder in unwegsames Gelände. Aber auch so mancher befestigte Ort konnte dem Druck der Belagerung nicht standhalten. Die osmanischen Sappeure trieben Minen unter die Palisaden und versuchten so Breschen in die Befestigungswerke zu sprengen. Bei den meisten Städten mit Ausnahme Wiens reichte aber bereits eine Beschießung durch Artillerie oder das Verbrennen der Stadttore. Und so manche Mauer war so niedrig, dass die Tartaren sie bequem vom Pferd aus überwinden konnten.


Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz
Niederösterreich", Foto: Gerald Lechner
Lagen die Burgen oder Orte abseits der Hauptroute, waren sie meist nur Angriffsziele für die Akindschi, denen es um rasche Beute ging. Da genügte dann oft bereits eine kleine Schar mit Feuerwaffen ausgerüsteter Schützen, die es verstanden zahlenmäßige Überlegenheit vorzutäuschen, um die Angreifer zu vertreiben. Aber für eine solche Tat musste ausreichend Munition und vor allem Mut vorhanden sein. An beiden mangelte es häufig. Die Menschen in den belagerten Orten wussten in den meisten Fällen nicht, wer da vor den Toren stand: Waren es „nur“ Akindschi oder war es die Hauptarmee? Warum sollte man da nicht ein Kapitulationsangebot des Feindes annehmen, um das Schlimmste zu verhüten? Auch in Wien errichtetn man zur Vorsicht drei Schnellgalgen, um den Gedanken an Kapitulation gleich gar nicht aufkommen zu lassen. In Perchtoldsdorf, in Hasendorf und Rohrau, und vermutlich auch in Mödling, Baden und Hainburg kam es zur Kapitulation – mit verheerenden Folgen.

Kontributionsschreiben an
Bruck an der Leitha
Kjaja Ali Pascha, Lager vor Wien,
ausgestellt zwischen 27. Juli und 4. August,
in lateinischer Sprache
Bruck an der Leitha, Stadtarchiv
© Bruck an der Leitha, Stadtarchiv
Neben Rohrau und Bruck war Hainburg einer der ersten Orte, der angegriffen wurde. Wenn wir heute nach Hainburg kommen, so beeindrucken uns noch immer die Stadttore und Mauern der kaiserlichen Stadt, nicht so die Osmanen 1683. Das Kriegstagebuch des Zeremonienmeisters berichtet über die Eroberung Hainburgs am 12. Juli: „Heute berannten Kara Mehmed Pascha und Bekir Pascha, denen die Bezwingung der Palanke [= unbedeutende Befestigung] Hainburg anbefohlen worden war, diesen Ort bis zur Zeit des Nachmittagsgebetes. Da er sich als stark befestigt erwies, sandten sie an den Großwesir Boten mit der Bitte um Geschütze, worauf der Großwesir sofort zwei Kolumbrine-Geschütze [=kleine Geschütze, meist 18 Pfund] abgehen ließ; aber noch während diese unterwegs waren, kamen zur Zeit des Sonnenunterganges von der anderen Seite schon Boten mit lebenden Gefangenen und abgeschnittenen Köpfen und brachten die frohe Kunde, daß die Palanke im Sturm genommen worden sei. Ununterbrochen stürmend und sich gegenseitig anfeuernd, waren die Streiter des Islams von allen Seiten im Sturmangriff in die Feste eingedrungen, aus der die Kampftruppen und die Honoratioren bereits vorher geflohen waren. Das gemeine Volk, das an Ort und Stelle geblieben war und sich zum Kampf gestellt hatte, ließ man allesamt über die Klinge springen, und die Burg wurde besetzt. Vor dem Großwesir rollten die eingebrachten Köpfe in den Staub, und auch den lebend vorgeführten Gefangenen wurde die Köpfe abgeschlagen.“ Die in den Quellen angegeben Opferzahlen divergieren stark, was vermutlich auf einen Lesefehler zurückzuführen ist; vermutlich lautet die richtige Zahl 3.432. Dass Hainburg so schnell in die Hände der osmanischen Truppen fiel, hat zu Spekulationen Anlass gegeben. Am wahrscheinlichsten ist eine von den Osmanen entdeckte Schwachstelle in der Befestigung, die im Bereich der Burg vermutet wird.

Salva Guardia (Schutzbrief)  für Bruck an der Leitha
Mehmed Aǧa, Ödenburg, 20. Juli 1683
Bruck an der Leitha, Stadtarchiv
© Bruck an der Leitha, Stadtarchiv
Ab dem12. Juli wurden von anderen Sturmtruppen Orte an der Thermenlinie angegriffen, darunter Baden, Mödling und Perchtoldsdorf. In Baden wurde ein Großteil der Bevölkerung getötet oder verschleppt. Eine Schadenserhebung im Herbst desselben Jahres vermerkte 848 Opfer bei 328 Überlebenden. Der Markt Mödling war teilweise nur durch Palisaden gesichert. Ein Teil der Bevölkerung flüchtete noch rechtzeitig in den Wienerwald; andere glaubten sich in der Unterkirche von St. Othmar und in der Krypta des Karners in Sicherheit. Der Glaube erwies sich trügerisch – sie wurden niedergemetzelt. Über die Einnahme von Perchtoldsdorf berichten mehrere Quellen. Am 12. Juli näherten sich die Akindschi dem Ort. Die Bürger des Marktes, die sich noch Monate zuvor gegenüber dem Defensionsausschuss gebrüstet hatten, gut ausgerichtet und gut gedrillt zu sein, konnten sich nur zwei Tage halten. Dann mussten sie den Ort aufgeben; sie zogen sich in die Kirchenburg zurück, die über zwei Wehrmauern, einen Graben, ein Zeughaus, einen tiefen Brunnen und sogar über einen Backofen verfügte. Im Verteidigungskampf ging den Bürgern langsam die Munition aus. Da boten die Angreifer Verhandlungen an, schickten einen Parlamentär und spielten eine Scharade. Geschickt setzten sie die Bürger unter psychologischen Druck, zeigten sich bald freundlich, bald mit Drohgebären. Schließlich willigten die Bürger in eine Kapitulation gegen Lösegeld ein. Das Geld und der Schlüssel der Stadt wurden, wie vom angeblichen Pascha verlangt, von einer Jungfrau mit offenem Haar überreicht. Dann sammelten die Feinde – gegen die Vereinbarung – die Waffen ein. Kaum einer wehrte sich, alle waren gleichsam in Schreckstarre verfallen. Mit der Ermordung des Marktrichters Adam Strenninger setzte das Gemetzel ein. Die Gefangenen wurden hingeschlachtet. Nur Kinder und schöne junge Frauen wurden verschont; sie versprachen hohen Gewinn auf den Sklavenmärkten. Danach wurde der Markt geplündert und niedergebrannt. An die 500 Männer wurden getötet; ihre Leichen lagen noch im Herbst unbestattet auf dem Marktplatz, wie Balthasar Kleinschroth berichtete:

In dem Markt Perchtoldsdorf sahen wir auf dem Platz mehr als 300 Personen tot liegen, ohne die, so unter einem verfallenen Haus lagen, deren viele meine Blutsfreunde waren. Bei dem Kirchentor an der ersten Mauer lag der Marktrichter noch in seinen grünen seidenen Strümpfen, noch gar wohl zu erkennen, auch ein Freund von mir. Die Brücke über den Graben in die Kirche war abgebrannt, daher mussten wir in den Graben hinuntersteigen und auf der anderen Seite hinauf in den Kirchhof, in dem sehr viele tote Leute abermals zu sehen waren. Und unter anderem lag vor der Kirchentür ein kleines Mägdlein, noch in ihren Kleidern. In der Kirche war es ein Gräuel anzusehen, wie viele Leiber ganz verbrannt übereinander lagen. Es war ein solcher Gestank, dass ich nicht weiß, auf welche Art ich ihn beschreiben soll oder womit er zu vergleichen wäre. Der große und starke Turm war ebenfalls voll von solchen verbrannten und gebratener Körper.“

Der Zeremonienmeister vermerkte in seinem Kriegstagebuch nur lakonisch, dass man den Markt Perchtoldsdorf mit einer üblichen Kriegslist – „müdara“= Katzenfreundlichkeit – erobert hätte. Wer „müdara“ anwendete, galt im osmanischen Kulturkreis als ehrenhaft und schlau. Der Zeremonienmeister zeigte sich verwundert über die Dummheit der Christen, die sich so leicht durch das Theaterspiel der Tartaren hätten täuschen lassen.
Text: Prof. Dr.  Elisabeth Vavra

Lit.:Flucht und Zuflucht. Das Tagebuch des Priesters Balthasar Kleinschroth aus dem Türkenjahr 1683, hg. von P. Hermann Watzl S.O.CIST., (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 8) Wien 1983; Gregor Gatscher-Riedl, Perchtoldsdorf 1683. Wahrheit, Mythen und kollektive Erinnerung, in: Kriege – Seuche – Katastrophen (Studien und Forschungen aus dem Institut für Landeskunde 46), St. Pölten 2007, 209–228; Harald Lacom, Niederösterreich brennt! Wien 2009.



Die Ausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich" ist noch bis 31. Juli 2016 im Landesmuseum Niederösterreich zu sehen.

25. Februar 2016

Kriegsschauplatz NÖ - Ein „Kreuzzug“ in Niederösterreich



Am Vormittag des 6. Juli 1415 loderte in Konstanz der Scheiterhaufen: Auf ihm verbrannte der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus. Das Konzil zu Konstanz hatte ihn als Häretiker zum Feuertod verurteilt, da er standhaft bei seinen Lehren geblieben war und einen öffentlichen Widerruf abgelehnt hatte. Seine Spuren sollten nun auf ewig ausgelöscht werden: Seine Asche streuten sie in den Rhein.

Ausstellungsansicht Kriegsschauplatz NÖ
Foto: Gerald Lechner
Hus war zwar tot, seine Lehre aber lebte weiter. Er und sein Parteigänger Hieronymus, der im Jahr danach den Feuertod erlitten hatte, wurden für ihre Anhänger zu Märtyrern ihres Glaubens. Eine Welle der Empörung erfasste die böhmischen Länder. Die Stände ergriffen Partei für Hus bzw. seine Anhänger – die Hussiten. Nicht nur religiöse Differenzen waren schuld an dem nun ausbrechenden Bürgerkrieg; er wurde auch von nationalen Konflikten getragen. Ihre Gegner sahen die Aufständischen im böhmischen König Wenzel bzw. dessen Bruder Sigismund, seit 1411 römisch-deutscher König, und in der katholischen Kirche. Die Brüder Wenzel und Sigismund entstammten dem Hause Luxemburg, einem deutschen Adelsgeschlecht, das seit Anfang des 14. Jahrhunderts in Böhmen regierte.
1419 fiel Prag in die Hand der Rebellen. Bereits während der ersten Wochen des Aufstandes erlag König Wenzel einem Schlaganfall. Der noch weniger beliebte Bruder Sigismund kämpfte nun um seine Ansprüche. Er suchte Unterstützung beim Papst, der 1420 zum ersten Kreuzzug gegen die Hussiten aufrief. Die militärischen Erfolge blieben aus. Den Hussiten gelang es durch militärische und politische Erfolge ihre Position weiter zu festigen. Verbündete fand die Rebellion, die zunächst von sozialen Unterschichten getragen worden war, nun auch in so manchem böhmischen oder mährischen Adeligen, der sich auf den Feldzügen reiche Beute erhoffte, vor allem bei den Plünderungen der Kirchen und Klöstern. 

Im Sommer 1421 hielten die Hussiten einen revolutionären Landtag ab, bei dem sie Sigismund das Recht auf die böhmische Krone absprachen. Dieser suchte nun weitere Verbündete und fand sie u.a. auch im österreichischen Herzog Albrecht V., der nun mit Truppen in Mähren intervenierte. Der Kampf gestaltete sich schwierig, schließlich überschritten hussitische Truppen die Grenze und standen vor den Mauern der Stadt Retz:

„Anno 1425, am St. Katharinen-Tag, haben die Hussiten – nämlich die Taboriten, die Waisen, die Prager und die Landherren – die Stadt Retz gewonnen. Sie untergruben sie, da sie die Stadt nicht im Sturm nehmen konnten. Der Feinde waren nach guter Schätzung, mehr als 100.000 Soldaten. Sie fingen den Grafen Johann von Maydburg und wohl 6.000 Mann, Edle und Bauern, in der Burg von Retz und führten sie gefangen nach Prag. Und sie haben in der Stadt mehr als 6.000 Mann erschlagen und brannten die Stadt aus und auch die Häuser. Und sie zerstörten mehr als 30 Kirchen und verwüsteten auch Pulkau mit Brand und Raub, töteten hier aber niemand.“


Die Zahlen des Chronisten sind sicher übertrieben, sie zeugen aber von der großen Angst der 
Zeitgenossen vor den aus dem Norden vordringenden Hussiten. Im Jahr danach verstärkten die 

Hussiten ihren militärischen Druck gegen Österreich weiter. Lundenburg fiel in ihre Hände. Von dort führten sie ein Schreckensregiment mit Plünderungen und gewaltsamen Steuereintreibungen. Noch im selben Jahr fielen sie im westlichen Waldviertel ein und überschritten bei Weitra die Grenze, beschossen die Stadt Zwettl, raubten und verwüsteten das Stift Zwettl. Im März des folgenden Jahres – 1427 – standen sie wieder vor Zwettl. Sie wüteten wieder und zogen dann nach Stift Altenburg weiter, das sie ebenfalls ausplünderten und devastierten.

Von der Situation im Land berichtet der Altenburger Chronist:

„Denn die verruchten Ketzer haben seit dieser Zeit Österreich mehrere Jahre hindurch immer wieder überfallen und in der Nähe des Klosters [Altenburg] ihr Lager aufgeschlagen, von wo aus sie viel Unheil stifteten. Sie stürzten die Bauern in Armut, brachten etliche mit ihren Schwertern um, führten andere gefesselt fort und haben die Verschleppten später oft ebenfalls getötet. Dadurch wurde der Gottesdienst gemindert und die Einkünfte des Klosters gingen derart zurück, dass man kaum mit einem Drittel des früheren Ertrages rechnen konnte. Der Landbau wurde unterbrochen, weil sie dem Kloster gehörenden Pferde und Pflüge wegschleppten, aber auch aus Angst vor den in der Nähe gelegenen Stützpunkten der Häretiker in Thaya, Pullitz und Fronsburg. Von da kamen sie oft herüber, so dass man sie fast täglich bei uns sehen konnte. Im Jahr 1430 nahmen sie sechsunddreißig Stück Zugvieh und sechs Pferde weg und entführten drei Bedienstete des Klosters nach Thaya […].

Da die böhmischen Länder bereits total ausgeblutet waren, versorgten sich die Hussiten nun im Wald- und Weinviertel mit Steuergeldern, Proviant, Zugtieren und Pferden. Auf ihren Streifzügen drangen die Hussiten bis ins Kamptal vor, verwüsteten dabei u.a. Zöbing. Im Mai und Juni 1428 
Ausstellungsansicht Kriegsschauplatz Niederösterreich
Foto: Gerald Lechner
erreichten sie die Donau bei Wien; bei Jedlesee schlugen sie eine ihrer Wagenburgen auf und beschossen die Dörfer diesseits und jenseits des Stromes; dann zogen sie nach Stockerau weiter. Zur selben Zeit kam es auch zu Raubzügen im heutigen Oberösterreich; dabei wurden die Klöster Baumgartenberg und Waldhausen zerstört. Im November standen Hussiten vor Eggenburg, scheiterten allerdings an der heftigen Gegenwehr.   
        
Beide Seiten – Hussiten und Herzog Albrecht mit seinen Verbündeten – wurden langsam kriegsmüde; sie kämpften mit letzten Reserven in einem ausgebluteten Land. Daher versuchte man nun auf dem Verhandlungsweg zu einer Lösung zu kommen. Allerdings waren die Bedingungen von Seiten der Aufständischen unannehmbar. Der Krieg ging weiter. Im April 1439 wurde wieder Eggenburg belagert. Das Land und mit ihm seine Verteidigung gerieten in eine immer größere Krise, die schließlich zu einer Reform der Landesverteidigung führte. 1431 und 1432 wurden Aufgebotsordnungen erlassen, die die Rekrutierung von Bauern vorsahen und detaillierte Angaben zu Ausrüstung und Bewaffnung enthielten. Letztere lassen erkennen, dass man sich in manchen die neue Kampftechnik der Hussiten zu eigen machte, die ja mit Wagenburgen kämpften:

„Die ausgehobenen „Zehner“ werden zu Gruppen von zwanzig Mann zusammengefasst, die einem Kriegswagen zugeteilt sind. Die Wagen sollen mit einer Deichsel und mit mindestens drei Längsbrettern versehen sein sowie eine fünfzehn Schuh lange Kette mitführen, die an einem Ende mit einem Ring und am anderen mit einem eisernen Haken versehen ist. Die Bespannung besteht aus vier Pferden.
[…]
Die zwanzigköpfige Wagenbesatzung soll neben dem Fuhrmann aus drei Büchsenschützen, acht Armbrustschützen, vier mit Spießen und vier mit Drischeln bewaffneten Männer bestehen. Jeder soll außerdem ein Schwert, ein Messer, einen Eisenhut, ein Paar Blechhandschuhe und einen Brustpanzer oder eine Schießjoppen mitbringen.
[…]
Jeder Wagen führt eine eiserne Ration an Brot, Käse, Speck und Rindfleisch sowie einen Eimer Wein mit. Dieser Vorrat wird nur dann aufgezehrt, wenn es nichts zu kaufen oder zu requirieren gibt.“

Während Herzog Albrecht 1431 wieder einen Feldzug nach Mähren unternahm, fiel im Gegenzug ein hussitischer Heerhaufen in Österreich ein – Ziel waren diesmal Altenburg und Pernegg. Zum ersten Mal wirkte sich diesmal die neue Abwehrorganisation positiv aus: Ein durch Bauern verstärktes Aufgebot stellte den gegnerischen Heerhaufen am 14. Oktober 1431 bei Waidhofen an der Thaya und fügte ihm eine empfindliche Niederlage zu. Die dabei erbeuteten Feldzeichen wurden in der Burgkapelle zu Wien aufgepflanzt. In Vergeltungsaktionen plünderten Hussiten daraufhin die Gegend um Litschau und das Machland. 

Auf dem ab 1431 in Basel abgehaltenen Konzil versuchte man wieder zu einem Friedensschluss zu gelangen. Nach 1432 flauten die Kampfhandlungen allmählich ab. Mit den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen von 1434 und 1435 fand der mährisch-österreichische Hussitenkrieg ein Ende. Herzog Albrecht hatte eines seiner Ziele – seine Anerkennung als Markgraf von Mähren – erreicht. Den Preis hatte – wie immer in Kriegen – die Bevölkerung zu zahlen. Die Gebiete Nieder- und Oberösterreichs nördlich der Donau  sowie Mähren kämpften lange Jahre gegen die Folgen des Krieges. Zurück blieben nicht nur verwüstete Landstriche, zurück blieben auch Söldner und Reste der hussitischen Kriegsbrüderschaften, die keine andere Lebensgrundlage als ihre Raubzüge kannten. Sie führten diese nun „auf eigene Rechnung“ durch und terrorisierten weiter die Bevölkerung.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

Mehr Informationen zur Geschichte Sonderausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich" finden Sie hier

10. Februar 2016

Kriegsschauplatz NÖ - Das Marchfeld, ein heiß umkämpfter Boden

Kaum ein anderes Drama ist in Österreich so bekannt wie „König Ottokars Glück und Ende“. Am 12. Februar 1823 begann Franz Grillparzer mit der Niederschrift des Trauerspiels. Auf der Suche nach einem spannenden Stoff hatte er ursprünglich an den glanzvollen Aufstieg und den tiefen Fall Napoleons gedacht. In Zeiten der Zensur fürchtete er aber, dass ein solches Drama auf Widerstand stoßen könnte. Der Gegenspieler Napoleons – Kaiser Franz I. – lebte noch und hatte im Kampf gegen seinen übermächtigen französischen Gegenspieler nicht gerade Ruhm eingeheimst. Das Schicksal Ottokars lag dagegen viel weiter zurück, und sein Überwinder, der Habsburger Rudolf I., bot eine glanzvolle Projektionsfläche für den jetzt regierenden Habsburger. Nach nur 26 Tagen war der Text abgeschlossen. Dann landete er für zwei Jahre in der Schublade des Zensors. Erst eine Intervention der Kaiserin Carolina Augusta ermöglichte die Aufführung des Stückes. Der Erfolg war groß, der Applaus nach der Premiere wollte nicht enden. 

Der Ausgang der Schlacht auf dem Marchfeld am 26. August 1278 entschied nicht nur über das 
Abb. 1: Ottokar II. Přemysl, aus der sog.
Zwettler Bärenhaut, 1310/11.
Stift Zwettl, Stiftsarchiv (© IMAREAL)
Schicksal Ottokars, sondern auch über das Mitteleuropas. Er stellte die Weichen für die Herrschaft der Habsburger, die 640 Jahre dauern sollte, und damit für die politische Ausrichtung der Länder an der Donau. Er leitete den Niedergang des böhmischen Herrschergeschlechts der Přemysliden ein, die seit dem Ende des 9. Jahrhunderts (mit Unterbrechungen) die Geschicke Böhmens bestimmten, zunächst als Herzöge von Böhmen, seit 1158 als Könige. Seit 1212 waren die Länder der böhmischen Krone auch innerhalb des Heiligen Römischen Reiches als Königreich anerkannt.
Ottokar war der Zweitgeborene. Zunächst ruhten die Hoffnungen seines Vaters Wenzels I. auf dem Erstgeborenen Vladislav. Als dieser früh starb, setzte Wenzel 1247 Ottokar als Markgraf von Mähren ein. Das Verhältnis Vater – Sohn war nicht ungetrübt. Nur ein Jahr später stellte sich Ottokar auf die Seite aufständischer böhmischer Adeliger und ließ sich von diesen zum „jüngeren König“ wählen. Der Krieg währte einige Monate. Nach Anfangserfolgen konnte König Wenzel seinen Sohn und dessen Anhänger eine Niederlage bereiten. Er ließ zunächst seinen Sohn gefangen setzen. Ein Abkommen folgte und schließlich einigte man sich auf eine Mitregentschaft.
Während dieser Ereignisse war an der Südgrenze ein Macht-Vakuum entstanden. Der letzte männliche Babenberger Friedrich II., der in der Geschichtsschreibung nicht zu Unrecht den Beinamen „der Streitbare“ erhalten sollte, war in einem seiner vielen Kämpfe gegen die Ungarn in der Schlacht an der Leitha am 15. Juni 1246 gefallen. Er hinterließ keine Nachkommen. Seine Schwester Margarete hatte 1225 den aufmüpfigen Sohn Kaiser Friedrichs II. König Heinrich (VII.) geheiratet. Die Ehe blieb kinderlos. 1242 wurde Margarete Witwe. Nach dem Tod ihres Bruders erhob sie Anspruch auf sein Erbe, auf die Herzogtümer Österreich und Steiermark. König Wenzel I. versuchte zunächst an das Erbe durch eine Hochzeit seines ältesten Sohnes Vladislav mit der Nichte Friedrichs II. Gertrud heranzukommen. Nach dem Tod von Vladislav heiratete diese Markgraf Hermann VI. von Baden, der sich allerdings im Land nicht durchsetzen konnte. Wenzel I. nutzte die Gunst der Stunde und marschierte im Herzogtum Österreich ein. Manche Quellen behaupten auch, die Stände hätten ihn zur Hilfe gerufen, um die herrscherlose Zeit zu beenden. Ottokar wurde als Statthalter eingesetzt. 
Abb. 3: Margarete von Österreich, aus der
sog. Zwettler Bärenhaut, 1310/11.
tift Zwettl, Stiftsarchiv (© IMAREAL)
Um seine Herrschaft zu legitimieren ehelichte Ottokar am 11. Februar 1252 die fast dreißig Jahre ältere Margarete. Ein Jahr später verstarb sein Vater, und er übernahm die Krone. In der Schlacht bei Groissenbrunn (Gemeinde Engelhartstetten) am 12. Juli 1260 fügte er dem ungarischen Heer unter König Béla IV. eine vernichtende Niederlage zu. An die 10.000 Ungarn sollen den Tod gefunden haben, die einen am Schlachtfeld, die anderen in den Fluten der March. Im Frieden von Wien, der am 31. März 1261 geschlossen wurde, erhielt Ottokar die Steiermark und Teile der heutigen Slowakei an der mährischen Grenze. Der Friede sollte durch eine Hochzeit bekräftigt werden: Die Dame auf dem politischen Schachbrett  war Kunigunde von Halitsch, die Enkelin Bélas. Přemysl Ottokar trennte sich von seiner Gemahlin Margarete und vermählte sich zum zweiten Mal. 1266 besetzte er das Egerland. Ein Jahr später brach er zu einem Kreuzzug nach Litauen auf. 1269 erbte er nach dem Tod Herzog Ulrichs III. von Kärnten die Länder Kärnten, Krain und die Windische Mark. Das Reich der Přemysliden reichte nun von der Eger bis an die Adria, da sich auch das Patriarchat von Aquileia kurzzeitig unter dessen Schutz gestellt hatte.
Abb. 2: Stammbaum Rudolfs I., aus der
sog. Zwettler Bärenhaut, 1310/11.
tift Zwettl, Stiftsarchiv (© IMAREAL)
Als es 1273 zu einer neuerlichen Königswahl im Reich kam, widerfuhr Přemysl Ottokar eine tiefe Kränkung. Nicht er, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, wurde gewählt, sondern Rudolf von Habsburg. Ottokar war den anderen Kurfürsten und auch dem Papst zu mächtig geworden. In Rudolf erhoffte man eine berechenbare Größe gefunden zu haben, einen Mann mit wenig Geld und wenig Land. Ottokar erkannte die Wahl nicht an. 1275 verhängte Rudolf die Reichsacht über ihn und entzog ihm die Lehen, da dieser eine Belehnung verweigerte. Der Kirchenbann wurde ausgesprochen.
Den ersten Feldzug gegen Ottokar II. Přemysl eröffnete Rudolf im Oktober 1276. Die mit ihm verbündeten Tiroler Grafen rückten nach Kärnten und Krain vor. Binnen kürzester Zeit fiel der Adel der beiden Länder ab und suchte die Verständigung. Genauso verhielt sich der steiermärkische Adel. Rudolf marschierte mit seinen Truppen in das Herzogtum Österreich, um auch hier den Adel auf seine Seite zu ziehen. In Regensburg gewann er mit Heinrich von Niederbayern einen weiteren Verbündeten. Der Preis war wieder eine Eheschließung: Rudolf und Heinrich verabredeten die Hochzeit ihrer beider Kinder. Die Donau ermöglichte einen raschen Transport der Truppen. Am 6. Oktober wurde Linz eingenommen; Enns, Ybbs und Tulln wechselten die Seiten. Auch Klosterneuburg konnte keinen Widerstand entgegensetzen. Das nächste Ziel war Wien. Die Belagerung der Stadt begann am 18. Oktober. Ottokar musste sich nicht nur gegen die Streitmacht Rudolfs wehren, auch die böhmischen Adeligen probten den Aufstand und König Ladislaus von Ungarn eroberte Ödenburg.

Die Lage war für Ottokar so hoffnungslos, dass er zu Verhandlungen bereit war, die im Frieden von Wien mündeten. Dieser brachte für ihn schwere Verluste: Er musste auf Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain, die Windische Mark und Eger verzichten, die Königswürde Rudolfs anerkennen sowie Böhmen und Mähren als Lehen aus der Hand Rudolfs empfangen. Absichern sollte den Vertrag wieder ein Ehebündnis. Am 25. November fand die Belehnung statt. In der Folge hielten sich beide Seiten nicht an die getroffenen Abmachungen. Ottokar gelang es wieder Verbündete gegen den Habsburger zu gewinnen. Im Waldviertel erhoben sich die Kuenringer gegen den neuen Landesherrn. Am 20. Juli 1278 marschierte Ottokar mit seinen Truppen in Österreich ein. Er belagerte mehrere Wochen die Städte Drosendorf (18. Juli bis 3. August) und Laa (5. bis 18. August). Rudolf wartete unterdessen in Wien auf die Verstärkung durch ungarische Truppeneinheiten. Beide Heereskörper vereinigten sich bei Marchegg und provozierten durch Angriffe zur Aufgabe der Belagerung von Laa. Ottokar zog mit seinem Heer nach Südosten und schlug bei Jedenspeigen sein Lager auf. Rudolf lagerte auf der Hochebene zwischen dem Haspelberg und Dürnkrut. Von dort überblickte er die ca. 3,5 km weite Ebene zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen und hatte gute Sicht auf das Lager Ottokars.

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz NÖ"
(© Landesmuseum Niederösterreich)
Da Schlachten im Mittelalter noch „ritterlich“ geführt wurden, vereinbarten die beiden Heerführer im Vorfeld den Tag der Entscheidungsschlacht: Es sollte Freitag, der 26. August, sein. Nach dem Lesen einer Messe stellten sich die Heere zur Schlacht auf. Rudolf ritt mit seinen Truppen zuerst in den Kampf. Das Schlachtenglück wogte hin und her. Schließlich entschied eine Kriegslist den Ausgang: Rudolf gelang es, Verwirrung unter den  böhmischen Kampfgruppen zu stiften, die kopflos die Flucht ergriffen. Nur wenige ließen sich nicht von der Panik anstiften. Ottokar versuchte vergeblich wieder Ordnung in die Heeresreihen zu bringen, schließlich musste auch er die Flucht ergreifen – wider jegliche Ritterehre wurde er auf der Flucht von einem persönlichen Feind erschlagen. Die zeitgenössischen Quellen, die über die Schlacht berichten, nennen unterschiedliche Namen. Grillparzer lässt Seyfried Merenberg (Seifried von Mahrenberg [heute Radlje ob Dravi]), einen Ministerialen der Herzöge von Steiermark und derer von Kärnten, die Tat begehen. Von Troßknechten oder Kumanen wurde der Leichnam geplündert:
„So liegst du nackt und schmucklos, großer König,
Das Haupt gelegt in deines Dieners Schoß,
Und ist von deinem Prunk und Reichtum allen
Nicht eine arme Decke dir geblieben,
Als Leichentuch zu hüllen deinen Leib.
Den Kaisermantel, dem du nachgestrebt,
Ich nehm ihn ab und breit ihn über dich,
Daß als ein Kaiser du begraben werdest,
Der du gestorben wie ein Bettler bist.
Bringt ihn nach Laa und stellt ihn fürstlich aus,
Bis man ihn holt zur Ruhstatt seiner Ahnen.“
(Rudolf, in „König Ottokars Glück und Ende“)

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

Mehr Informationen zur Geschichte Sonderausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich" finden Sie hier


2. Februar 2016

Der Kriegs=Struwwelpeter: Objekt des Monats Februar

[Pax vobiscum – Der Friede sei mit euch]



Liegen auch die Völkerscharen
Sich noch grimmig in den Haaren,
Freut sich jeder mit Geschichten,
Die Ergötzliches berichten,
die mit Worten und mit Bildern
Treu der Völker Taten schildern.
Dieses grause Schlachtentreiben
Kann ja ewig auch nicht bleiben.
Und an einem schönen Tag
Kommt der Engel aus dem Haag,
Bringt dann allen Potentaten,
Völkerhirten, Diplomaten,
Präsidenten und Ministern
Und auch sonstigen Philistern
Zeit und Muße wohl genug
Für dies schöne Bilderbuch.

Die Geschichte vom Zappel=Beppo

 

„Ob der Beppo endlich still
Sich bei Tisch verhalten will?
Das verlognne Schaukelspiel
Wird allmählich uns zuviel.
Will er brav zu Tisch sich sehtzen,
Darf er sich die Lippen netzen
Mit Tiroler rotem Wein,
Und die Trientiner Mahlzeit
Soll der Lohn der Tugend sein.“
Doch der Beppo höret nicht,
Was man also zu ihm spricht,
Er hetzt und schürt
Und intrigiert,
Er trappelt
Und zappelt
Auf dem Stuhle ganz erpicht,
Bis vorbei das Gleichgewicht.




Seht, ihr lieben Kinder, seht
Wie´s dem Beppo weitergeht.
Oben steht es auf dem Bild.
Seht, er schaukelt gar zu wild,
Bis der Stuhl nach hinten fällt.
Jetzt ist ihm der Spaß vergällt.
Noch will er in seiner Not
Mit sich ziehen Wein und Brot.
Doch die Eltern halten´s fest,
Und der Beppo hat zuletzt
Eingebüßt der Tugend Lohn.
„Beppo, sie, das kommt davon.“







„Hättest du trotz d´Annunzios Leier
Und dem Rat der andern Schreier,
Trotz der Bauernfänger Locken
Mit den Grenzberichtigunggsbrocken
Treu´ gewahrt bei Freundes Not,
Wie Vertragspflicht dir gebot,
Hättest du jetzt den fetten Bissen
Und ein ruhiges Gewissen.
Beides hast du nunmehr nicht
Und erfährst im Strafgericht
Züchtigung für Heuchelei
Und gebrochne Bundestreu´.“





aus: Karl Ewald Olszewski: Der Kriegs-Struwwelpeter – lustige Bilder und Verse, München Holbein-Verlag (1915)

10. Dezember 2015

Kriegsschauplatz Niederösterreich: Von der Schleuder zur Blide

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz Niederösterreich"
mit Blide, Foto: Heidrun Wenzel
Finger und ein starkes Gummiringerl – schon konnten wir in der Schule über ein paar Bankreihen hinweg eine Briefbotschaft verschicken oder nur so aus Jux und Tollerei einen Radiergummi als „Waffe“ einsetzen. Stärke des Gummis, Gewicht des Geschosses und Geschick des Schützens/der Schützin entschieden über die Weite und Qualität des „Schusses“.  
Schleudern waren von der Antike bis zum Mittelalter wichtige Fernwaffen. Die einfachste Form war ein langer Streifen Leder oder Stoff mit einer Ausbuchtung für das Geschoss in der Mitte. Der Kämpfer nahm die beiden Enden der Schleuder in die Hand, schwang sie und ließ dann ein Ende los; die durch das Schwingen der Schleuder aufgebaute Energie schleuderte das Geschoss weg. Man nutzte dabei die Hebelwirkung. Diese konnte man natürlich noch steigern: etwa durch die Länge der Schleuder oder durch die Anbringung eines Stabes. Diese Stab- bzw. Stockschleuder – lateinisch Fustibalus – war eine wichtige Waffe im römischen Heer. Der römische Militärschriftsteller Flavius Vegetius Renatus bezifferte die Reichweite mit sechshundert Fuß; das sind etwa 200–300 Meter. Er setzte die Reichweite bei Übungen mit der von Bogen gleich.   
Unzweifelhafte Vorteile der Schleudern waren billige Herstellung und der Umstand, dass man überall Munition dafür fand: einmal waren es Steine, wie bei David im Alten Testament, der für den Kampf gegen Goliath fünf glatte Steine aus einem Bachbett für seine Schleuder mitnahm. Mit Stockschleudern wurden auch Brandsätze verschossen oder die ersten Granaten. Schleudern waren im Gegensatz zu Armbrust und Bogen unempfindlich gegen Witterungseinflüsse. Sie waren leicht an Gewicht und praktisch zum Transportieren: einfach zusammenrollen und einstecken. Und: Schleudern waren eine lautlose Waffe.

Militärhandbuch von Johann Jacobi von Wallhausen, 1616

Ihre Nachteile liegen allerdings auch auf der Hand: Ihr Einsatz war abhängig von den Geländeverhältnissen: Nur auf offenem Feld konnten Schleudern ihre volle Stärke entfalten. Mit der Entwicklung der Rüstungen war ihr Einsatz nur mehr begrenzt sinnvoll. Und nicht zu unterschätzen ist ihre schwierige Handhabung: Nur durch viel Übung erreichte man mit Schleudern den erwünschten „Erfolg“. „Schleuderer“ gehörten zu den ersten historisch belegten Söldnertruppen. So warben z.B. römische Herrscher balearische Schleuderer für ihre Legionen an. Trotz dieser Nachteile hielten sich Schleudern als Fernwaffen noch lange. Auf spätmittelalterlichen Darstellungen finden sich immer noch Kämpfer mit Steinschleudern. Und selbst zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfolgte noch die Ausbildung in dieser Kampftechnik, wie das Militärhandbuch von Johann Jacobi von Wallhausen aus dem Jahr 1616 zeigt.
Das Mittelalter kannte dann zwei verschiedene Typen von Wurfmaschinen, mit denen man die Befestigungsanlagen der Städte und der Burgen überwinden wollte. Der eine Typ war ein einarmiges Wurfgeschütz auf Torsionsbasis – Onager oder Mange, der andere war die Blide, eine Wurfmaschine nach dem Prinzip des zweiarmigen Hebels, die bis ins 16. Jahrhundert eingesetzt wurde. Eine solche Blide haben wir für die Ausstellung nachgebaut. Genutzt wird dabei das Hebelarmprinzip: ein Gegengewicht auf der kurzen Armseite sorgt für die notwendige Beschleunigung der langen Armseite, an der die Schlinge für das Wurfgeschoss angebracht ist. Die Blide erreicht eine große Reichweite, da die Rotation des Wurfarmes und der Schlinge für eine starke Beschleunigung des Geschosses sorgen. Es existieren zwar keine zeitgenössischen Pläne mehr, aber aufgrund von Berichten schätzt man die Reichweite selbst früher Bliden auf etwa 300 Metern. Das Gewicht der Kugeln lag ca. bei 30 Kilogramm. Bei der Belagerung der Stadt Köln durch Erzbischof Konrad von Hochstaden 1257 trafen Geschosse der jenseits des Rheins in Deutz aufgestellten Blide ein Gebäude am Rotenberg: Die Reichweite betrug demnach 450 Meter.

Ausstellungsansicht "Kriegsschauplatz Niederösterreich" mit Blide, Foto: Gerald Lechner
Die ersten Wurfgeschütze dieser Art wurden vermutlich in China entwickelt: Die ältesten Belege stammen aus der Song-Dynastie. Man nimmt an, dass die Technik durch die Turkvölker Zentralasiens den Arabern bekannt wurde. Der erste bekannte Einsatz von Bliden erfolgte bei der Belagerung Lissabons durch die Kreuzfahrer 1147. Eine weitere wichtige Entwicklung erfolgte zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Die Länge der Wurfschlinge wurde verstellbar gemacht: So konnte man unterschiedliche Wurfweiten erzielen, ohne die Masse des Gegengewichts oder der Geschosse verändern zu müssen. Als Geschosse dienten neben Steinkugeln grob behauene Felsbrocken und Brandsätze, die in das Innere der belagerten Städte oder Burgen geschleudert wurden. Große Bliden, die mit Laufrädern betrieben wurden, konnten Steinbrocken von mehr als einer Tonne auf Entfernungen von 100 Metern werfen – so geschehen bei der Belagerung von Zypern und Zara 1346.
Bliden wurden aber auch von den Verteidigern im Inneren der Städte und Burgen aufgestellt. Das belegen die Eintragungen in diversen Rechnungsbüchern deutscher Städte. Die Bliden wurden in zerlegter Form in den Zeughäusern aufbewahrt und bei Bedarf zusammengebaut.
In den spätmittelalterlichen „Kriegsbüchern“ finden sich häufig Darstellungen von Bliden. Diese zeigen auch andere Arten von Wurfgeschossen: tote Hunde, Katzen, Esel, Rinder und Schweine, Fässer mit Urin und Fäkalien wurden in die belagerten Plätze geworfen, um so den Ausbruch von Seuchen zu begünstigen und die Verteidiger zu demoralisieren. Diese Art der Kampfführung war mit ein Grund dafür, dass noch im 16. Jahrhundert neben den schweren Pulvergeschützen weiter Bliden zum Einsatz kamen.
          
Literatur:
Volker Schmidtchen, Kriegswesen im späten Mittelalter. Weinheim 1984
 
Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra  
 
Die Ausstellung "Kriegsschauplatz Niederösterreich" ist noch bis 31. Juli 2016 im Landesmuseum Niederösterreich zu sehen.