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Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

17. Juni 2014

Die Au und ihre Tümpel

Donaubecken Landesmuseum,
Foto: H. Lackinger
Was gehört eigentlich alles zu einem Fluss? Wo fängt er an, wo hört er auf?
Auf diese Frage würden wohl die meisten antworten, dass ein Fluss aus einem wassergefüllten Flussbett und seinem Ufer besteht und dass er an seiner Quelle beginnt und bei der Mündung endet. Das ist zwar nicht falsch und es handelt sich hierbei auch um sehr wichtige Elemente dieses Lebensraumes, aber zu einem funktionierenden Fluss gehört noch vieles mehr! Ein wesentlicher Bestandteil eines naturbelassenen Flusses ist eine intakte Au.

Flüsse haben die Aufgabe, Niederschläge abzutransportieren und letztlich dem Meer zurückzugeben. Damit schließt sich der ewige Kreislauf des Wassers. Je nach Niederschlagsmenge führt ein Fließgewässer unterschiedlich viel Wasser und benötigt demnach auch einmal mehr und einmal weniger Platz um es abzutransportieren. Diesen Platz bietet ihm im Idealfall ein weitläufiges Augebiet, welches es an seinen Ufern begleitet und durch den Wechsel von Überflutung und Trockenfall gekennzeichnet ist.

Auen sind wichtige, artenreiche und fruchtbare Gebiete, die ebenfalls zum Lebensraum Fluss gezählt werden müssen. Hierhin kann sich der Fluss bei hohen Wasserständen ausdehnen. Der schwammartige Boden hält viel Wasser zurück und verhindert somit große, zerstörerische Hochwasserwellen. Auch wird das Wasser hier gefiltert, was die Au zu einem wichtigen Bestandteil der Selbstreinigungskraft eines Fließgewässers macht. Landläufig heißt es ja, verschmutztes Wasser müsse lediglich über sieben Steine laufen, um wieder sauber zu werden. Ganz so einfach ist es nicht, aber durch eine anständige „Aubodenfiltration“ kann schon einiges im Punkto Wasserqualität erreicht werden.


Autümpel im Landesmuseum, Foto: A. Giesswein
Viele speziell an wechselnde Bedingungen in einer Au angepasste Pflanzen und Tiere finden in der Au perfekte Bedingungen. Diese besteht in der Regel nicht nur aus Wald und dazwischen eingestreuten Feuchtwiesen, sondern sie beherbergt auch eine Reihe flussbegleitender Gewässer. Es wird zwischen einigen verschiedenen Arten von Augewässern unterschieden. Die meisten der stehenden Gewässer in einer Au entstehen dadurch, dass ein Stück des Flusses, eine Flussschlinge oder Ähnliches, durch das Anhäufen von Material wie Äste, Schlamm und Steine, vom Hauptfluss abgeschnitten wird. Oder es wird eine Flussschlinge vom Fluss durchbrochen und somit der Lauf verändert. Der ehemalige Mäander bleibt als Altwasser zurück. Diese Gewässer führen in der Regel ganzjährig Wasser und sind wichtige Habitate für viele Insekten, Fische und Wasservögel.
Neben diesen Augewässern gibt es noch verschiedene Kleingewässer, die dem Namen Tümpel alle Ehre machen. Sie führen wie es der Definition eines Tümpels entspricht, nur zeitweise, bedingt durch Überschwemmungen oder hohe Grundwasserstände, Wasser. Durch diese stark wechselnden Bedingungen werden an die Tiere und Pflanzen in diesen Gewässern ganz besondere Anforderungen gestellt.
Tümpel sind meist nur wenige Dezimeter tief und lediglich ein paar Wochen, höchstens einige Monate im Jahr mit Wasser gefüllt. In der übrigen Zeit erinnert für gewöhnlich nur eine getrocknete, rissige Schlammfläche an ihre flüchtige Existenz. Echte Wasserpflanzen sucht man hier meist vergeblich. Findet man am Grund eines Tümpels etwas Grünes, so sind es größtenteils Landpflanzen, welche kurze Überschwemmungsphasen aushalten können.

Aquarium Landesmuseum, Foto: H. Lackinger

Diese kurzlebigen Kleingewässer beherbergen eine eigentümliche Tiergesellschaft. Neben verschiedenen Einzellern, Insektenlarven und anderen Klein- und Kleinstorganismen sind vor allem unterschiedliche Arten von niederen Krebsen typisch für solche Lebensräume. Sie überstehen die Trockenperioden in Form sogenannter Dauereier, die oft mehrere Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte im Trockenen überleben können. Sobald sie mit Wasser in Berührung kommen wird ihre Entwicklung fortgesetzt und nach wenigen Tagen schlüpft eine neue Generation Krebse.
Im Bereich der March- und Thayaauen gibt es einige Tümpel, die dafür berühmt geworden sind, dass sie sogenannte Urzeitkrebse beheimaten. Diese Tiere gibt es seit etwa 280 Mio. Jahren. Sie sind schon in Tümpeln geschwommen, lange bevor die ersten Dinosaurier daraus getrunken haben. Auch diese urtümlichen Tiere verfolgen bis heute sehr erfolgreich die Strategie der Dauereier, um in ihren vergänglichen Lebensräumen zu bestehen. Besonders gut kann man die kleinen Lebewesen bei der "Tümpelwiese" beim Marchegger Pulverturm und in den "Langen Lüssen" bei Marchegg-Bahnhof beobachten.
 

Gelbbauchunke, Foto: M. Schaar
Auch die Gelbbauchunke laicht bevorzugt in nur zeitweise wasserführenden Gewässern. Ihre Larven wachsen unter der ständigen Gefahr auf, ihre Entwicklung zur erwachsenen Unke nicht rechtzeitig vor der Austrocknung des Tümpels vollenden zu können. Entspannter haben es da schon die Gelbbauchunken im Landesmuseum. Ihr „Tümpel“ trocknet niemals aus, dafür sorgen die Tierpflegerinnen.
 

Mittellaufbecken, Foto: M. Schaar
Ein kleiner Tipp (nicht nur zum Valentinstag): Kommen Sie ins Landesmuseum und Schauen sie einer Unke tief in die Augen. Sie wird Sie mit Herzen in den Augen ansehen. Die für Unken typischen herzförmigen Pupillen machen das möglich.

Wie man sieht, ist ein natürlicher Fluss alles andere als ein starrer, lebloser Kanal zu dem wir ihn oft machen. Er bewegt sich, schlängelt sich und spaltet sich in unzählige Arme auf, um sich später wieder zu vereinigen. Es kann passieren, dass man an eine bestimmte altbekannte Stelle am Fluss gehen möchte, doch der Fluss ist wie von Geisterhand verschwunden. Dafür ist in einiger Entfernung wie aus dem Nichts ein Flussbett entstanden, wo nie zuvor eines gewesen ist.

Leider findet man intakte Augebiete mit ihren unterschiedlichen Lebensräumen nur noch in wenigen Flusstälern. Die Mehrzahl der Flussläufe wurde mehr oder weniger stark von Menschenhand verändert. Viele Flussläufe wurden durch Begradigungen stark verkürzt, wodurch sich die Fließgeschwindigkeit und Erosionskraft des Wassers erhöht. Diese Flüsse graben sich immer tiefer in ihr Bett ein, wodurch in weiterer Folge auch der Grundwasserspiegel im Umland sinkt. Aus einstigen, fruchtbaren Auböden werden Trockengebiete, in denen Landwirtschaft nur noch durch künstliche Bewässerung möglich ist. An einen von Leben pulsierenden Autümpel ist hier gar nicht mehr zu denken. Durch den schnellen Abtransport des Wassers kommt es bei Starkregen zu besonders großen Hochwasserwellen. Daraus folgt, dass die Hochwassergefahr an den meisten ausgebauten Flüssen heute deutlich größer ist als nach dem Flussausbau. Davor konnten sich die Gewässer noch in ihre Auen ergießen ohne Schaden anzurichten.
Im Hochwasserschutz muss wieder zu den ökologischen Grundfunktionen des Flusses und seiner Au zurückgefunden werden. Diese vielerorts, wie z.B. im unteren Abschnitt der Traisen, schon in die Tat umgesetzten Renaturierungsmaßnahmen werden uns nicht nur vor Naturkatastrophen bewahren, sondern auch besondere Lebensräume wie Autümpel zurückbringen.
Flüsse sind die Lebensadern unseres Planeten, zwängen wir sie nicht in ein Korsett, sondern lassen wir sie sich entfalten wo immer es geht! Es ist nicht zuletzt zu unserem eigenen Nutzen.

Einige Links: 

http://naturschutzbund.at/auen/auen.html
http://www.bundesforste.at/index.php?id=447
http://www.naturland-noe.at/naturschutzgebiet-untere-marchauen
http://marthaforum.twoday.net/stories/5521960/
http://www.lebensministerium.at/umwelt/natur-artenschutz/life-natur/life-projekte_aktuell/traisen.html
http://www.lebensministerium.at/umwelt/natur-artenschutz/feuchtgebiete/ramsar/donaumarchauen.html
http://www.donauauen.at/?area=nature&subarea=habitats
http://www.naturland-noe.at/life-projekt-renaturierung-untere-marchauen
http://www.youtube.com/watch?v=D9TjqRjdolI
http://www.marchthayaauen.at/index.php?option=com_content&view=article&id=67:welt-der-urzeitkrebse-&catid=27

Text: Mag. Elisabeth Holovsky

12. Juni 2014

Frauenporträt #17

 #17 Maria Trilety – Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete


© Stadtarchiv Baden
Als Tochter eines Wagnermeisters kam Maria Trilety in Weikersdorf (jetzt Stadtteil von Baden) am 3. Mai 1878 zur Welt. Sie besuchte die Volks- und Bürgerschule in Baden, dann eine zweijährige höhere Fortbildungsschule und Handelsschule in Wien. In erster Ehe heiratete sie den Bäckergehilfen Ludwig Brunner. Beide fanden ihre politische Heimat in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und wurden für diese in ihrer Heimat Baden tätig. Obwohl erst durch die am 18. Dezember 1918 beschlossene Wahlordnung Frauen das allgemeine Wahlrecht erhielten, zog Maria Brunner bereits im November 1918 als erste Frau in den Badener Gemeinderat ein. Ihr Gatte Ludwig Brunner verzichtete auf seinen Gemeinderatssitz, da „nach der gesetzlichen Vorschrift aber eine nahe Verwandschaft in dieser Körperschaft nicht statthaft ist“, wie die Badener Zeitung zum 27. November 1918 berichtete.
Während ihrer kurzen aktiven Zeit im Badener Gemeinderat engagierte sie sich gemeinsam mit den anderen Vertretern der sozialdemokratischen Arbeiterpartei für Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Armut und der Wohnungsnot. Am 10. März 1919 wurde ein von ihrer Fraktion eingebrachter Antrag betreffend Delogierung oder Ausmietung von Familien, Schaffung von Abhilfe durch Notstandswohnungen und Inangriffnahme von Bauten von Kleinwohnungen angenommen. In der vorausgegangenen Debatte ergriff auch Maria Brunner das Wort: „Die Wohnungsfrage ist für die armen Leute von jeher sehr dringend ... Es ist ja bekannt, dass die Kinder sich selbst überlassen sind und in den Häusern viel ruinieren, sie verlottern und stellen alles mögliche an. Was das Armen- und Waisenhaus anbelangt, so ist die Unterbringung nur momentan möglich, nicht aber auf die Dauer. Es ist notwendig, dass die Stadtgemeinde Baden als großer Kurort vorangeht bezüglich der Kleinwohnungen, Arbeiterhäuser, damit die Familien anständig wohnen können, wie es sich gehört. Denn es gibt Wohnungen, die kaum Wohnungen zu nennen sind. Der Herr Bürgermeister [= Dr. Franz Trenner] als Arzt wird in der Lage sein, sich ein Urteil über den Gesundheitszustand der zukünftigen Kinder, der Proletarierkinder zu bilden …“ (zit. nach Wagner).
Um für unterstandslose Familien Wohnraum zu schaffen, wurden die Baracken des ehemaligen Kriegsspitals herangezogen; die Lebensbedingungen dort waren aber katastrophal, wie Maria Brunner anlässlich eines weiteren Dringlichkeitsantrages am 7. April 1919 schilderte: „Ich habe mir die Baracken mit den Wohnungen angesehen. Es sind 34 Parteien mit 139 Personen, darunter Familien mit 5 bis 9 Kinder. Es wird der Dringlichkeitsantrag gestellt, weil bereits Beschwerden gelaufen sind. Ein großer Teil der Familien ist verlaust. Es sind Notwohnungen. Es wäre Pflicht gewesen, diese Baracken zu untersuchen, ob sie auch bewohnt werden können. Sie sind nicht gereinigt … Mir war den ganzen Tag übel vom Geruch … Es muss die Forderung nach sofortiger Remedur [Abhilfe, Beseitigung eines Missstandes] gestellt werden, damit nicht fürchterliche Krankheiten entstehen. Es sind nette Leute drinnen, die im Großen und Ganzen zu bedauern sind. Den netten und reinen Familien dort werden die Möbel verwanzt und verlaust. Die sozialdemokratische Fraktion muss an die Gemeindeverwaltung das Ersuchen stellen, dort draußen Ordnung zu schaffen …“ (zit. nach Wagner).
Weitere Aktivitäten Maria Brunners zielten auf die Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten auch für Frauen und auf eine Verbesserung der Entlohnung ab. So setzte sie sich dafür ein, dass die weiblichen und männlichen Angestellten in den Bädern endlich eine feste Entlohnung als Existenzminimum erhielten und nicht mehr nur auf Trinkgeld angewiesen wären. Sie kritisierte auch die Entlohnung, die für die Putzarbeiten in den Schulen vorgesehen war: „Bei dieser Beschäftigung kann man aber mit 6 K[ronen] nicht auskommen und es ist wahrscheinlich, dass hier der Unwille zum Ausbruche kommt. Wir alle tragen die Verantwortung, dass allen Menschen, die hier in Baden wohnen, die unsere Mitbürger sind, die Lebensmöglichkeit geboten wird. Wenn die Gemeinde auf dem Standpunkt steht, nicht wie die Kommune Wien eine Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung aus ihren Mitteln vorzunehmen, so erwächst andererseits die Pflicht, für eine ausreichende Arbeitsmöglichkeit aller Arbeitslosen zur sorgen, d .i. auch für die Frauen und Mädchen.“ Sie richtete einen Apell an die wohlhabenden Bürger von Baden, mit Spenden Arbeitslose, Heimkehrer und Invalide zu unterstützen. Denn eine solche Hilfe wäre eine moralische Verpflichtung.
Bereits im Mai 1919 nahm sie auch ihre Tätigkeit als Abgeordnete im Landtag auf. Während der Loslösungsphase Wiens von Niederösterreich zwischen dem 11. November 1920 und dem 11. Mai 1921 gehörte sie der Kurie Niederösterreich Land an. Ihr Engagement dort ließ ihr immer weniger Zeit für die Arbeit im Gemeinderat. Als am 11. Juni 1919 die Neuwahl des Bürgermeisters und der geschäftsführenden Gemeinderäte stattfand, fand sich ihr Name nicht mehr auf der Liste. 1920 ließ sie sich scheiden; später heiratete sie wieder. Als Maria Kraichel blieb sie bis zum 20. Mai 1927 Abgeordnete zum Landtag.


© Stadtarchiv Baden

Text: Elisabeth Vavra
Quelle: Sabine Wagner, Marie Brunner – Badens erste Gemeinderätin, in: Badener Zuckerln – Aus der Arbeit des Stadtarchivs 33 (1912)
Bildnachweis: Stadtarchiv Baden

9. Juni 2014

Hermann J. Painitz. Selbstverständlich

AUSSTELLUNG ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH | ST. PÖLTEN

HERMANN J. PAINITZ. SELBSTVERSTÄNDLICH

 29/03 - 24/08/2014


Hermann J. Painitz und Dieter Bogner, Foto: Helmut Lackinger
Die Präsentation der Monografie "Hermann J. Painitz. Selbstverständlich" am 18. Mai 2014 fand im Rahmen eines Künstlergespräches mit Dieter Bogner, dem bekannten Museumsplaner und Kunstsammler statt.
Gleich zu Beginn der gut besuchten Veranstaltung lobte Dieter Bogner das Verdienst der Zeit Kunst Niederösterreich, eine wissenschaftliche Abhandlung dieses Volumens über einen zeitgenössischen österreichischen Künstler herausgegeben zu haben. Immerhin umfasst das auf der Dissertation von Alexandra Schantl, der künstlerischen Leiterin der Zeit Kunst Niederösterreich, basierende Werk aus dem Kerber Verlag exakt 400 Seiten und stellt darin heimisches Kunstschaffen des 20. und 21. Jahrhunderts in einen internationalen Kontext. Weitere Textbeiträge des reich bebilderten Kataloges stammen von Adam Jankowski, Christian Theo Steiner, Thomas D. Trummer, Elisabeth von Samsonow und schließlich von Hermann J. Painitz selbst, der sich hier als nicht minder wortgewaltig denn im persönlichen Gespräch erweist. Dabei geben sowohl die Monografie als auch die gleichnamige Ausstellung einen Überblick über das Gesamtwerk des 1938 geborenen Künstlers, der als Verfechter einer "logischen" Kunst gilt.

Ausstellungsansicht 2014, ©Bildrecht, 
Wien 2014. Foto: Christoph Fuchs
Dass Hermann J. Painitz auch mit seinen 76 Jahren noch genügend revolutionären Geist besitzt, stellte er im Gespräch mit Dieter Bogner mehrfach unter Beweis, etwa als er aus seinen Manifesten vorlas, die die Zuhörer schon durch ihre Titel "Ist Kunst logisch?", "Jede Kunst ist logisch", "Kunst kann nicht logisch sein" herausfordern. Spätestens jetzt ist der Zusammenhang mit der Sprachphilosophie eines Ludwig Wittgenstein evident, genauso wie die Tatsache, dass die Kunst des Hermann J. Painitz sehr dem Denken verpflichtet ist. So nannte der Künstler die Struktur als Grundlage für die Nachvollziehbarkeit eines Kunstwerks, auf die die Materialien angewendet werden müssen. Als Auflösung der in seinen Manifesten gestellten Fragen, welche sich nach eigenen Aussagen gegen die Ewiggestrigen wenden, bezeichnete Hermann J. Painitz den Künstler als das einzig logische Produkt einer Gesellschaft überhaupt. Religion, Krieg, Konsum, Energie und Wissenschaft hingegen seien unlogisch.

Monografie „Hermann J. Painitz“, Foto: H. Lackinger
Dieter Bogner kritisierte die Trennung der Kunstgattungen im Museumssystem, das dem Werk von Künstlern, die in verschiedenen Medien arbeiteten, nicht gerecht würde und lobte zugleich, dass die Zeit Kunst Niederösterreich eine solche Zusammenschau jedoch ermögliche. Hermann J. Painitz forderte das Interesse aller Künstler an den Geisteswissenschaften und sprach sich insbesondere für eine Verbindung von Literatur und bildender Kunst aus.


Ausstellungsansicht 2014,  
© Bildrecht, Wien 2014. Foto: Christoph Fuchs
Die anschließende Dialogführung durch die Ausstellung mit Alexandra Schantl begann mit frühen Papierarbeiten des Künstlers aus den 1960er Jahren, die der gelernte Gold- und Silberschmied nach seiner Rückkehr aus London im Collageprinzip anfertigte. Werke wie "Zwei verschränkte Reihen auf sechs Blättern" aus dem Jahr 1963 basieren auf Zahlenreihen, denen Farben zugeordnet werden. Besonders interessant ist dabei, dass diese den Arbeiten zugrunde liegenden Notationen, in denen das Kunstwerk schon fertig gedacht ist, ebenso betrachtet werden können. Auch im Ausstellungsrundgang mit Hermann J. Painitz ist dessen rebellischer Geist immer wieder zu spüren, etwa als er vor seinem Werk "Entwürfe für die Planierung der Alpen" aus dem Jahr 1969 stehend "Den Gamsbart ab!" fordert.


Ausstellungsansicht 2014, ©Bildrecht, 
Wien 2014. Foto: Christoph Fuchs

Die meisten Arbeiten des Künstlers zeigen seine intensive Auseinandersetzung mit Zeichensystemen, was oft mit dem Weglassen von Überflüssigem einhergeht wie bei den Statistischen Personenporträts, bei denen die kleinste Form für die Existenz einer Person ihr Herzschlag ist. Die Idee von der nachvollziehbaren Struktur eines Kunstwerks wiederum führt direkt zur Objektsprache des Hermann J. Painitz, bei der eine kurze Erklärung genügt, um das verschlüsselte Werk lesbar zu machen. Bei den Hammer-, Brot- und Zangenalphabeten des Künstlers werden die konventionellen Buchstaben durch Objekte ersetzt, mit denen wiederum wie bei einem ganz gewöhnlichen Alphabet alles geschrieben und gelesen werden kann. Die Liebe des Künstlers zur Literatur spricht aus seinem Werk "Jonathan Swift" aus dem Jahr 1973, in dem er den Anfang von "Gullivers Reisen" textlich verschlüsselt, den Bogen zur Natur schließt sein zwischen 1987 und 1988 entstandener Grafikzyklus "Die Vögel". Hier fasziniert den Künstler ganz besonders die Farbverteilung am Gefieder der Tiere als deren Sprache.


Ausstellungsansicht 2014, ©Bildrecht, 
Wien 2014. Foto: Christoph Fuchs
Sowohl die Monografie "Hermann J. Painitz. Selbstverständlich" als auch die Ausstellung laden dazu ein, sich auf spielerische und gleichzeitig den Intellekt herausfordernde Art und Weise Gedanken über die Welt zu machen, in der wir leben.

Text: MMag. Ursula Düriegl


Ausstellungsansicht, 2014
© Bildrecht, Wien 2014. Foto: Konstantin Rössl

Ausstellungsort: Landesmuseum Niederösterreich, Shedhalle, Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Öffnungszeiten: Di - So, 9.00 – 17.00 Uhr, www.zeitkunstnoe.at

5. Juni 2014

Frauenportät #16

    #16 Lolita – Edith Zuser (1931 – 2010)

 
 
©Kulturabteilung der Stadt / Stadtmuseum
Die aus Spratzern stammende „Dita“ arbeitete als Kindergärtnerin, als Sachbearbeiterin in einer Spinnerei und als Zahnarztassistentin bevor sie unter dem Namen „Lolita“ ein internationaler Schlagerstar wurde.
Ihre Karriere hat - relativ spät - im Alter von 26 Jahren begonnen. Gesungen hat sie allerdings schon seit frühester Jugend, wobei sie von ihrer Mutter, die ebenfalls einen schönen Mezzosopran besaß, unterrichtet wurde. Ihr Vater nahm sie sonntags auch gerne mit ins Wirtshaus, wo sie auf den Tisch gestellt, so ziemlich alles sang, was sie damals kannte. Etwas geordneter ging es in der Kirche zu, wo sie bei Krippenspielen meist den Joseph sang.
1954 sang sie, bei einer Hochzeit eines Bekannten, im Dom St. Pölten das „Ave Maria“. Ihre Stimme sorgte für solche Furore, dass die Leute vom Markt in den Dom strömten und voller Begeisterung zuhörten. Auch sonst trat sie damals immer wieder bei lokalen Veranstaltungen auf, darunter Matineen im Parkkino, ehe sie 1956 bei einem Unterhaltungsabend in Wien für den erkrankten Gerhard Wendland einsprang und auf sich aufmerksam machte. Es folgte ein Vertrag als Backgroundsängerin in Wien, wobei sie jeden Abend um 2.00 Uhr nachts nach St. Pölten zurück kam und dort von ihrer Mutter mit dem Rad abgeholt wurde, ehe sie um 6.00 Uhr morgens wieder zu ihrer beruflichen Tätigkeit nach Harland aufbrach.
1957 gelang ihr schließlich mit dem Schlager „Weißer Holunder“ der Durchbruch, mit dem sie auch im gleichnamigen Film zu sehen war. Kurz darauf erhielt sie einen Plattenvertrag bei Polydor. Noch im selben Jahr eroberte sie mit „Der weiße Mond in Maratonga“ den 2. Platz der deutschen Hitparade. 1958 erhielt sie, ohne dass sie lang gefragt worden wäre, ihren neuen Namen „Lolita“. Lolita, die zuvor noch nie das Meer gesehen hatte, gelang ihr größter Charterfolg mit dem Lied „Seemann, deine Heimat ist das Meer“, das unter anderem von Freddy Quinn oder Andrea Berg gecovert wurde. Das Lied erreichte nicht nur in Deutschland Platz 2 in der Hitparade, sondern auch als 1. deutschsprachige Single Platz 5 in den amerikanischen Charts. Insgesamt wurden 2 Millionen Schallplatten dieses Titels verkauft, was ihr auch eine Goldene Schallplatte einbrachte.
In den späteren Jahren wandte sich die ausgezeichnete Sängerin dann verstärkt der volkstümlichen Musik zu und moderierte einschlägige Fernsehsendungen.
Lolita starb 2010 an den Folgen eines Krebsleidens in ihrer Wahlheimat Großgmain bei Salzburg. Sie verkaufte in ihrer Karriere weltweit mehr als 20 Millionen Schallplatten.

 
Bild: Kulturabteilung der Stadt / Stadtmuseum
Text: Büro für Diversität

 

28. Mai 2014

Frauenporträt #15

    #15 Josefine Jammer – eine Badener Institution


Der bekannte Wiener Biedermeier-Maler Thomas Ender (1793–1875) verewigte 1824 auf einer kleinen aquarellierten Bleistiftzeichnung das Mauthaus beim Urtelstein am Eingang ins Helenental, an der Heiligenkreuzer Straße gelegen.

Thomas Ender, Das Mauthaus beim Urtelstein im Helenental, 1824
Bleistift, aquarelliert auf Papier, 8,8x16,1 cm, 1824
© NÖ Landesbibliothek
Hier wuchs Josepha Jammer auf. Mitten während der napoleonischen Kriege kam sie 1808 zur Welt. Ihr Vater war Mauteinnehmer-Gehilfe, verstarb aber schon früh. Ihre Brüder fielen in der Völkerschlacht bei Leipzig; ihre Mutter betrieb im Mauthaus mit allerhöchster Genehmigung seit 1813 eine „Kaffeeküche“. Wie sie zu dieser Lizenz bekam schilderte Elise Degen, die 1856 in München geborene und in Baden ansässige Schriftstellerin in der Ausgabe des Badener Bezirks-Blattes am 21. Mai 1892:

© Wien Museum
„Die Söhne der armen Witwe, die es bewohnte, hatten Blut und Leben für die Befreiung des Vaterlandes geopfert [...] Die ersten Knospen drängten schon hervor, die Veilchen blühten [...] Da ertönte von Ferne das Rollen eines Wagens. Frau Jammer hatte gerade Zeit, die verweinten Augen zu trocknen, da hielt auch schon der Wagen des Erzherzogs Anton vor ihr. Die Frau brachte dem leutseligen Herrn wie schon so oft ein Glas frischer süßer Milch ... Freundlich ergriff er die Hand der Traurigen und sprach: „Frau Jammer, sorgen Sie sich nicht weiter, ich werde schon ein Mittel finden, um ihnen und ihren Kindern zu helfen!“ [...]
Kurze Zeit darauf erhielt die arme Frau die damals schwer zu erreichende Bewilligung, eine Kaffeeküche zu errichten, deren Ertrag sie vor Kummer und Sorge bewahren sollte. Erzherzog Anton und außer ihm noch viele Mitglieder des Kaiserhauses sind dort eingekehrt [...]
Bis heute noch steht das Häuschen, bis heute noch schützen es die hohen Felsen und finden sich fröhliche Menschen ein, um im Kühlen zu rasten.“
Nach dem Tod der Mutter betrieb ihre Tochter Josepha den Kaffeeausschank weiter; das Lokal führte nun den Namen „Zur Jammerpepi“. Das Geschäftsschild der Kaffee- und Milchwirtschaft hat sich bis heute im Besitz des Wien Museums erhalten. Es ist als Dauerleihgabe im Rollett Museum in Baden zu sehen.
So schwierig wie ihre entbehrungsreiche Kindheit und Jugend als Halbwaise gestaltete sich auch ihr weiteres Privatleben. Sie verliebte sich in „Schorsch“ Hörner, der in jungen Jahren nach Baden gekommen war. Er war der erste „Zahlmarqueur“ (=Zahlkellner) im Café Scheiner, Ecke Weilburgstraße/Peterhofgasse, das „In-Café“ der Biedermeierzeit in Baden. Bei den Gästen beliebt gelang es ihm, ein wenig auf die hohe Kante zu legen. Ein häufiger Gast im Café Scheiner, Georg Simon Freiherr von Sina half ihm beim Anlegen der Ersparnisse, so dass Hörner über ein bescheidenes Vermögen verfügte, ausreichend, um mit Pepi Jammer einen Hausstand zu gründen. Dem stand allerdings ein nicht unerhebliches Hindernis im Wege: Schorsch war aus seiner Heimat, dem Königreich Bayern geflohen, um dem Wehrdienst zu entgehen. So konnte er sich nicht die für eine Eheschließung notwendigen Papiere besorgen. Nach einer Zeit des Wartens wendete sich doch dann alles für die beiden zum Guten: Bei der Jammerpepi verkehrten neben Kurgästen und alteingesessenen Badenern auch Angehörige der Aristokratie, die während ihrer Spaziergänge durchs Helenental bei ihr einkehrten, um ein Glas Milch oder Kaffee zu trinken. Darunter war auch Prinzessin Hildegard Luise Charlotte Theresia Friederike von Bayern (1825–1864), die Tochter König Ludwigs I. von Bayern und der Therese von Sachsen-Hildburghausen, die mit 19 Jahren Erzherzog Albrecht von Österreich geheiratet hatte. Sie besorgte die notwendigen Papiere. So wurde für das in die Jahre gekommene Paar – Pepi war schon an die 55 – eine Heirat doch noch möglich. Pepi Jammer, nun Pepi Hörner, betrieb mit ihrem Mann die Meierei bis ins hohe Alter weiter. Beim großen Börsenkrach 1873 verloren sie allerdings ihr Vermögen.
Aber lassen wir noch einmal Elise Degen in ihrer blumigen Sprache zu Wort kommen:

 
Während der Wintermonate, in denen kaum Gäste kamen, besserte sie mit Bastel- und Handarbeiten das Haushaltsgeld auf: Sie fertigte Andenkenbilder aus Moos und Baumrinden (Weilburg, Rauhenstein, Dr. Rollett am Wasserfall, etc.) und strickte. Schorsch starb 1892 und Pepi wenige Monate nach ihm 1893.
           

Die Jausenstation blieb unter dem Namen „Jammerpepi“ bis in die Jahre nach 1945 in Betrieb.
Text: Dr. Elisabeth Vavra
Quelle: Hildegard Hnatek, Stets freundlich lächelnd - die Jammerpepi, in: Badner Zuckerln. Aus der Arbeit des Stadtarchivs 5, 1998.

 

22. Mai 2014

Frauenportrait #14

   #14 Paula Menotti – die Gigerlkönigin

Foto©www.foto-julius.at 
Einer äußerst eigenwilligen Frau verdankt die Kurstadt Baden eine der schönsten Jugendstilvillen in prominenter Lage am Kaiser-Franz-Ring.
1863 wurde Paula in dem gutbürgerlichen Elternhaus der Familie Heuberger in Graz geboren. Mit 16 Jahren nahm sie zum ersten Mal Reißaus, um in Wien ihr Glück als Schauspielerin und Sängerin zu suchen. Ihre Eltern ließen sie von der Polizei suchen und wieder nach Graz zurückbringen. Ihr zweiter „Fluchtversuch“ gelang. Über Wien gelangte sie nach Russland und von dort mit Hilfe ihres Impresarios nach London, wo sie eine Ausbildung zur Exzentriksängerin absolvierte. Sie startete eine glanzvolle Karriere auf den Varietébühnen Europas und feierte u.a. Triumphe in St. Petersburg, Berlin und im Varieté-Theater Ronacher in Wien. Ihre größten Erfolgsschlager waren die beiden Rheinländer „Die Gigerlköngin“ und „Ich bin eine Witwe“.
Die Musik zum Lied „Die Gigerlkönigin“*, mit dem sie 1894 erstmals auftrat und das 1897 auf Schallplatte erschien, schrieb der Berliner Komponist Paul Lincke. Der Text des Liedes beschrieb die Interpretin und deren Lebenswandel:  


Ich kleid mich stets nach neuester Facon
beweg mich im Salon
ich erfinde neue Moden, was ich trage, das ist schick
man sieht's am ersten Blick
Der Refrain lautet:
Sehen Sie mich nur an, ich bitt
diesen eleganten Schritt
Da sieht doch gleich ein jeder wer ich bin
die Gigerlkönigin

Eine Neuinterpretation erfuhr das Lied durch Hildegard Knef 1963.
Die Musik zu ihrem zweiten Erfolgsschlager „Ich bin eine Witwe“ komponierte der in Bad Nauheim geborene Wilhelm Aletter, der in Berlin als Pianist und Komponist tätig war. Der Text des Couplets, das 1898 im amerikanischen Musikverlag The B.F.Wood Music Company Boston erschien, stammt aus der Feder des Sängers und Komikers Otto Reutter:

Mein Herz ist so traurig, mein Kopf ist so schwer,
Ich hatte zwei Männer und hab' sie nicht mehr.
Ich hab' sie begraben, o, denkt euch nur an.
Nun bin ich verlassen und hab' keinen Mann.
Bin einundzwanzig, fesch und patent,
habe zum Lieben sehr viel Talent.
Steh jetzt allein, o Gott, welch ein Graus,
ganz ohne Mann sein, das halt ich nicht aus. Ach!
Mein erster hieß Anton, mein zweiter hieß Fritz,
sie waren nicht lange in meinem Besitz.
Der Fritz war so blaß und hat sterben gemußt,
und Anton war auch etwas schwach auf der Brust.
Hab' an die beiden gar oft schon gedacht,
manchmal bei Tage, stets in der Nacht.
Jetzt bricht mein Herze vor Liebe schier,
und ich hab' keine Verwendung dafür! Ach!
Refrain:
Ich bin eine Witwe, eine kleine Witwe,
bin das Küssen so gewöhnt, daß ich's nicht lassen kann
Ich bin eine Witwe, eine kleine Witwe,
hätt' ich doch nur wieder einen Mann.
Ich bin eine Witwe, eine kleine Witwe,
bin das Küssen so gewöhnt, daß ich's nicht lassen kann.
Ich bin eine Witwe, eine kleine Witwe,

hätt' ich doch nur wieder einen Mann.



wikicommons©Adolf Geringer
Um die Person der exzentrischen Sängerin rankten sich noch zu Lebzeiten zahlreiche Gerüchte: Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Wien soll sie einen Kuss um 1000 Gulden verkauft haben. Das Geld für den Bau der Villa soll aus dem Besitz eines russischen Adeligen stammen, der sich - wie versprochen  - nach einer Liebesnacht mit ihr erschoss und ihr sein Vermögen hinterließ. Vielleicht wurde auch Arthur Schnitzler durch sie zu der 1902 fertiggestellten Novelle „Exzentrik“ angeregt.  Die Villa Menotti wurde nach Plänen des Darmstädter Architekten Karl Köhler von August Amberger errichtet. Der Badener Bildhauer Karl Vock führte die Stuckarbeiten aus. Der 1912 fertig gestellte Bau umfasste 26 Zimmer und spiegelte den neuesten Stand der Technik wieder. Die Villa verfügte über Badezimmer, elektrisches Licht, Zentralheizung und Einbauschränke. Der Bau war von einem parkähnlichen Garten mit Glashaus umgeben. Die Villa Menotti war der letzte große Villenbau in Baden. Paula Menotti lebte dort zurückgezogen bis zu ihrem Tod am 17. April 1939.

* Gigerl bezeichnet im Altwienerischen einen äußerst modebewussten Mann, der sich stets in übertriebener Form nach den neuesten Trends kleidet.  

Bild: www.foto-julius.at
Text: Dr. Elisabeth Vavra

15. Mai 2014

Frauenportrait #13

  #13 Anny Wödl (1902–1996) - Eine Mutter kämpft um ihren Sohn


Ein Stolperstein, verlegt am Areal des Landesklinikums Wiener Neustadt, erinnert an das Schicksal des 7jährigen Alfred Wödl und seiner Mutter Anny.
Drei Wochen vor der Entbindung hatte Anny Wödl, die am Corvinusring 16 in Wiener Neustadt lebte, eine Rauchgasvergiftung erlitten. Als der kleine Alfred in das Alter kam, in dem andere Kinder zunächst zu laufen und dann zu sprechen begannen, merkte die Mutter, dass diese Rauchgasvergiftung nicht ohne Folgen für das Kind geblieben war. 1946 sagte sie als Zeugin vor Gericht aus:
„Ich habe am 24. November 1934 einen Knaben geboren, der mit dem Gehen und auch mit dem Sprechen Schwierigkeiten hatte, als er gehen und sprechen sollte. Es stellte sich schließlich heraus, dass er zwar alles verstand, dass er aber nicht sprechen konnte. Auch waren seine Beine offenbar zu schwach, um ihn zu tragen, sodass er soviel wie nicht gehen konnte. Woran er eigentlich litt und was die Ursache seines Zustandes war, konnten die Ärzte eigentlich nicht feststellen.“
Von Amts wegen wurde am 1. April 1939 seine Einweisung in die Pflege- und Beschäftigungsanstalt für Kinder in Gugging verfügt. Zu dieser Zeit begann man im Dritten Reich mit einer großangelegten Aktion zunächst gegen behinderte Kinder, die später auch auf Erwachsene mit Behinderungen ausgedehnt wurde. Ein Erlass verpflichtete Ärzte und Hebammen, Fälle von „Idiotie“ und „Missbildungen“ den Gesundheitsämtern zu melden. Die betroffenen Kinder wurden von Amts wegen in sogenannte Kinderfachabteilungen überstellt. In Wien wurde eine solche Abteilung in der Nervenheilanstalt „Am Steinhof“ eingerichtet. Ihr Leiter war Erwin Jekelius, sein Assistent Heinrich Gross, der über die Aktionen in einem Verhör nach dem Krieg zu Protokoll gab: „Man stellte Listen über die betreffenden Kinder zusammen und schickte sie mir zur unmittelbaren Ausführung. Ich wiederum habe die Listen an Dr. Gross übergeben, der dann die Tötung der Kinder mittels Verabreichung von Luminal vornahm. Die Tötung kranker Kinder wurde von uns unter strengster Geheimhaltung vorgenommen. Daher wussten die Eltern darüber nichts. Nach der Vergiftung eines Kindes durch Dr. Gross wurde den Eltern mitgeteilt, dass ihr Kind an dieser oder jener Krankheit gestorben sei, die er sich selbst ausdachte. Diese Mitteilungen habe ich als Leiter der Klinik unterschrieben [. . .] monatlich töteten wir zwischen 6 und 10 Kinder.“
Trotz der strengen Geheimhaltung fiel das Verschwinden der Patienten/Patientinnen auf; zu auffällig war das sich regelmäßig wiederholende Muster: zunächst eine Nachricht, dass der Patient/die Patientin als kriegsbedingte Maßnahme verlegt werden musste und dann einige Zeit später die Todesnachricht. Die  betroffenen Angehörigen verlangten von Ärzten und Pflegepersonal eine Erklärung. Anny Wödl, die Krankenschwester im Kriegslazarett des Allgemeinen Krankenhauses war, traf sich im Geheimen mit den Müttern und Vätern. Man kam zu der Ansicht, dass nur eine Intervention in Berlin Erfolg bringen könnte. Sicher auch getrieben durch die Sorge um das eigene Kind, das auch jederzeit in diese Todesmaschinerie geraten konnte, fuhr Anny Wödl im Juli 1940 nach Berlin und sprach im Namen aller Angehörigen der Steinhof-Patienten in der Reichskanzlei vor.  Man verwies sie ans Reichsinnenministerium. Dort wurde sie von Ministerialdirigent Linden empfangen, der als Reichsbeauftragter für die Heil- und Pflegeanstalten für die Durchführung der T4-Aktion – der systematischen Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in den Jahren 1940 bis 1941 – maßgeblich verantwortlich war. Ihre Intervention war wie zu erwarten vergeblich. Linden erklärte ihr, dass Berlin nicht dazu bereit wäre, für Wien Ausnahmen zu machen.
Im Jänner des folgenden Jahres erfuhr sie von einer Krankenschwester in Gugging, dass nun auch ihr Sohn Albrecht für einen „Transport“ in die Tötungsanstalt  Schloss Hartheim vorgesehen sei, wo u. a. auch Menschen mit Behinderungen im Rahmen der T4-Aktion vergast wurden.  Anny Wödl fuhr sofort wieder nach Berlin zu Ministerialdirigent Linden, um ihren Sohn zu retten. Linden frage sie nur, was sie, die als Krankenschwester im Kriegseinsatz tätig wäre, mit einem behinderten Kind wolle. Das einzige Zugeständnis, das sie erreichen konnte, war eine „Sterbeerleichterung“ für ihren Sohn:  Linden versprach ihr, dass Alfred wenigstens in ihrer Obhut sterben „dürfe“.   
Am 6. Februar 1941 wurde Alfred Wödl von Gugging in die Kinderanstalt „Am Spiegelgrund“ in Steinhof verlegt. Ergebnislos blieben die Bemühungen der Mutter, ihren Sohn doch noch der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie zu entreißen. Am 17. Februar besuchte sie ihren Sohn, am 23. Februar erfuhr sie, dass Albrecht am Tag zuvor ermordet worden war. Die offizielle Todesursache in den Akten und auf dem Totenschein war „Lungenentzündung“. Anny Wödl konnte auch nicht verhindern, dass Dr. Heinrich Gross ihren Sohn obduzierte. Über 60 Jahre befand sich Alfreds Gehirn in einem Keller der Pathologie des „Steinhofs“. Erst im April 2002 wurde sein Gehirn mit den Gehirnen weiterer wenigstens 600 Opfer in einem Ehrenhain am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.   
Am 5. März 1942 wurde Anny Wödl im Wiener Allgemeinen Krankenhaus nach einer ärztlichen Untersuchung, auf Veranlassung der Direktion, gekündigt; in dem entsprechenden Schriftstück heißt es: „… dass bei der Wödl eine hochgradige Neurose bestehe, die eine ersprießliche Dienstleistung nicht erwarten lasse und die Lösung des Dienstverhältnisses unter Nachsicht der Kündigungsfrist zu empfehlen wäre.“
Bild: Fotoquelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (http://www.doew.at/)
Text: Dr. Elisabeth Vavra
Link:
http://de.doew.braintrust.at/m22sm112.html

9. Mai 2014

Frühblüher

Die Boten des Frühlings


Zwischen Jänner und Mai

Frühblüher bilden einen typischen Bestandteil der Vegetation unserer Laubwälder. Besonders häufig sind sie in Buchen- und Buchenmischwäldern zu finden. Zeitig im Frühjahr, wenn die Äste der Bäume noch kahl sind, bilden sie ihre Blüten und Blätter aus. Damit nutzen sie die lichtreichste Zeit im Jahr, denn solange das Laub der Bäume noch keinen Schatten wirft, kann viel Sonnenlicht bis zum Waldboden durchdringen. Typischerweise gedeihen Frühblüher zwischen Jänner und Mai. Möglich ist diese frühzeitige Entwicklung durch ganz besondere Anpassungen: Frühblüher besitzen unterirdische Speicherorgane – sozusagen Vorratskammern unter der Erde, die ihnen die nötige Energie für die Ausbildung ihrer Blütentriebe bereit stellen. Um tiefe Temperaturen unbeschadet zu überstehen, lagern viele Frühblüher eine Art chemisches „Frostschutzmittel“ in ihrem Gewebe ein.


Zwiebel, Knolle, Spross

Scharbockskraut,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Allen Frühblühern gemeinsam ist, dass sie bald im Jahr blühen. Doch die Speicherorgane, mit deren Hilfe sie dies bewerkstelligen, unterscheiden sich voneinander. Manche Frühblüher, wie zum Beispiel das Schneeglöckchen, die Frühlingsknotenblume oder der Bärlauch besitzen eine Zwiebel. Bei dieser handelt es sich um einen umgebildeten, unterirdischen Spross, dessen fleischig verdickte Blätter mit Reservestoffen gefüllt sind. Andere Frühblüher, wie zum Beispiel der Krokus, der Lerchensporn oder das Scharbockskraut lagern ihre Speicherstoffe in einer Wurzelknolle. Wieder andere, wie das Leberblümchen, das Buschwindröschen oder die Schlüsselblume besitzen ein sogenanntes Rhizom. Bei diesem umgangssprachlich auch als „Wurzelstock“ bezeichneten Organ, handelt es sich in Wahrheit nicht um eine Wurzel, sondern um einen unterirdisch wachsenden Spross. In Zwiebel, Knolle und Rhizom werden Nährstoffe (hauptsächlich in Form von Stärke) gespeichert. Ungünstige Bedingungen werden mit Hilfe dieser unterirdischen Speicherorgane überdauert.


Schneeglöckchen

Schneeglöckchen, Foto: B. Seiberl-Stark
Das Schneeglöckchen (genauer gesagt das Kleine oder auch Gewöhnliche Schneeglöckchen) ist zweifellos einer unserer bekanntesten Frühblüher. Es blüht oft schon im Februar und kann Temperaturen von einigen Minusgraden ertragen. Sogar die Blüten sind frosthart. Das Schneeglöckchen bevorzugt feuchte, schattige Standorte und ist in Berg- und Auwäldern zu finden. Die weißen, nickenden Blüten – übrigens immer nur eine auf jedem Stängel – bestehen aus drei äußeren und drei inneren Blütenblättern. Die inneren Blütenblätter sind nur etwa halb so groß wie die äußeren und tragen grüne Flecken. Bei diesen Flecken handelt es sich um sogenannte Saftmale, die den Blütenbesuchern den Weg zum Nektar weisen. Schneeglöckchen können sich vermehren, indem sie Brutzwiebeln bilden, die sich später von der Hauptzwiebel lösen. Sie bilden aber auch kleine Kapselfrüchte aus, die mehr als 30 Samen enthalten können. An jedem dieser Samen ist ein Nährkörper festgewachsen, der besonders von Ameisen gerne gefressen wird. So tragen Ameisen ganz wesentlich zur Verbreitung des Schneeglöckchens bei.


Leberblümchen

Leberblümchen, 
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Das Leberblümchen ist eine Charakterart der Laubwälder Mitteleuropas. Bereits im März brechen seine violetten Blüten aus der Falllaubschicht des Waldes hervor. Die Lebensdauer der einzelnen Blüten beträgt maximal acht Tage. Sie bieten Blütenbesuchern keinen Nektar an, sind aber wichtige Pollenlieferanten für Bienen und andere Insekten. Die Samen des Leberblümchens sind bei Ameisen sehr beliebt und werden auch von diesen verbreitet. Die Blätter mit der typischen, in drei Lappen geteilten Blattspreite erscheinen erst am Ende der Blühperiode und überdauern den Winter. Ihrer Form, die entfernt an die menschliche Leber erinnert, verdankt die Pflanze übrigens auch ihren Namen. Gemäß der mittelalterlichen Signaturlehre, nach der man aus dem äußeren Erscheinungsbild einer Pflanze auf deren Heilwirkung schloss, wurde das Leberblümchen in der Volksmedizin bei Leber- und Gallenbeschwerden eingesetzt. 

Leberblümchen,  Foto: A. Benedetter-Herramhof

Buschwindröschen

Buschwindröschen,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Das Buschwindröschen findet man außer in Laub- und Mischwäldern gelegentlich auch in lichten Nadelholzbeständen und in Hecken. In den Alpen kann es noch in einer Höhe von mehr als 2.000 Metern angetroffen werden. Oft bildet es große, sehr individuenreiche Bestände. Meist wird nur eine Blüte mit sechs weißen Blütenhüllblättern ausgebildet. Drei dreiteilige Hochblätter schützen anstelle eines Kelches die Blütenknospe. 
Die gestielten Grundblätter erscheinen erst nach der Blütezeit. Die Blüte wird von Bienen und Fliegen bestäubt, während Ameisen für die Verbreitung der Samen sorgen. Allerdings kann sich das Buschwindröschen auch mit Hilfe seines Rhizoms vegetativ vermehren. Mitunter gehören mehr als hundert Blütentriebe zu einer einzigen Pflanze! 

Genau wie bei anderen Frühblühern werden die Blüten in der Nacht und bei schlechter Witterung geschlossen. Dieses Schließen der Blüte erfolgt beim Buschwindröschen durch Wachstumsbewegungen, indem die Unterseite des Blütenblattes schneller wächst als die Oberseite.

Lerchensporn

Lerchensporn,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Die wohlriechenden Blüten des Hohlen Lerchensporns, die man oft bereits im März beobachten kann, trugen der Pflanze ihren ungewöhnlichen Namen ein: Ihre Form erinnerte die Menschen an die gespornten Zehen der Haubenlerche. Hohl dagegen ist die etwa walnussgroße Knolle des Hohlen Lerchensporns, die neben Speicherstoffen giftige Alkaloide enthält. Die bis zu 20 Blüten, die gemeinsam einen traubigen Blütenstand bilden, können entweder violett oder weiß gefärbt sein. Sie bilden zeitig im Frühling eine wichtige Nahrungsquelle für langrüsselige Bienen, die Nektar aus dem Sporn der Blüte saugen. Als Honigräuber dagegen betätigen sich kurzrüsselige Hummeln: Sie beißen ein Loch in die Blüte, um den Nektar zu plündern, wobei es nicht zu einer Bestäubung der Blüte kommt. Die schotenförmigen Kapselfrüchte des Hohlen Lerchensporns entlassen im Mai ihre Samen. Außerdem kann sich die Pflanze auch vegetativ durch Tochterknollen vermehren, die sich im Hohlraum der Knolle entwickeln.

 

Lungenkraut

Lungenkraut, Foto: A. Benedetter-Herramhof
Das Echte Lungenkraut verdankt seinen Namen den eiförmig-spitzen Blättern mit den charakteristischen hellen, runden Flecken. Ihre Form und Zeichnung erinnern entfernt an eine Lunge. Seit dem Mittelalter wurde das Lungenkraut daher als Heilpflanze bei Lungenerkrankungen aller Art eingesetzt. Und tatsächlich lindert das Lungenkraut Husten, Halsweh und Heiserkeit. Seine Blüten mit den röhrig verwachsenen Kelch- und Kronblättern kann man von März bis Mai beobachten. Sie sind zunächst rosa und färben sich nach der Bestäubung violett bis blau. Die Bestäuber (vor allem Wildbienen) bevorzugen die jungen, rosafarbenen Blüten, die mehr Nektar enthalten als die älteren blauen. Im Volksmund wird das Lungenkraut wegen seiner verschiedenfärbigen Blüten übrigens auch als „Hänsel und Gretel“ bezeichnet. Seine Früchte, die bei Reife in einsamige Teilfrüchte (Klausen) zerfallen, werden durch Ameisen verbreitet. Da das Lungenkraut zu den Lichtkeimern gehört, benötigen die Samen für ihre Keimung neben Wasser, Wärme und Sauerstoff auch Licht.


Schlüsselblume

Wiesenschlüsselblume,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Waldschlüsselblume,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Die Schlüsselblume erhielt ihren Namen wegen der Ähnlichkeit ihres Blütenstandes mit einem Schlüsselbund. In vielen Märchen und Sagen ist sie der Schlüssel zum Himmel. Auf Wiesen, an Waldrändern oder in lichten Wäldern gedeiht die Echte Schlüsselblume oder Wiesenschlüsselblume. Sie unterscheidet sich von der Waldschlüsselblume (auch Hohe Schlüsselblume genannt) durch die dottergelben, stark duftenden Blüten mit den fünf orangefarbenen Flecken. Diese Saftmale fehlen bei der Waldschlüsselblume, deren nur schwach duftende, hellgelbe Blüten eine goldgelbe Färbung im Schlund aufweisen. Beide Schlüsselblumenarten blühen von März bis Mai und gelegentlich findet man auch Bastarde zwischen den zwei Spezies. Interessant ist, dass bei der Schlüsselblume zwei unterschiedlich gebaute Blütentypen vorkommen, die sich durch die Länge des Griffels und die Lage der Staubblätter voneinander unterscheiden. Dadurch wird Selbstbestäubung weitgehend vermieden und Fremdbestäubung gefördert.


Huflattich

Huflattich, Foto: A. Benedetter-Herramhof
Der Huflattich ist eine genügsame Pflanze, die nicht nur in Wäldern, sondern auch auf Schuttplätzen, an Wegen,  auf Bahndämmen und Böschungen gedeiht. Bereits im März erscheinen die leuchtend gelben Blüten dieses Korbblütlers, die aus bis zu 300 weiblichen Zungenblüten und 30-40 männlichen Röhrenblüten bestehen. Sie stehen einzeln am Ende des weißfilzig behaarten Stängels, der mit zahlreichen kleinen, schuppenförmigen Blättern besetzt ist. Die grundständigen, etwa handtellergroßen Blätter erscheinen erst nach der Blüte. Sie sind oben hellgrün und auf der Unterseite weißlich und filzig behaart. Ihre Form erinnert ein wenig an einen Pferdehuf, was der Pflanze auch ihren Namen verlieh. Die Samen des Huflattichs sind Schirmflieger und ähneln den Samen des Löwenzahns. Der Huflattich ist eine bedeutende Heilpflanze. Er wird vor allem als Hustenmittel eingesetzt, wobei sowohl die Blätter als auch die Blüten verwendet werden. Er wirkt zudem antibakteriell, entzündungshemmend und blutstillend.

Veilchen

Das Duftveilchen blüht meist schon im März, weshalb es auch als Märzveilchen bezeichnet wird. Es stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, wurde aber in großen Teilen Europas eingebürgert. Seine wohlriechenden Blüten sitzen einzeln auf dünnen Stielen.

Veilchen, Foto: B. Seiberl-Stark
Die herzförmigen Blätter bilden eine bodenständige Rosette. Ungewöhnlich ist, dass die Blüten des Veilchens nicht bestäubt werden müssen, um Samen zu bilden. Neben den auffälligen, violetten Blüten bildet die Pflanze nämlich kleine, unscheinbare Blüten aus, die sich nicht öffnen. In diesen kommt es zur Selbstbestäubung und -befruchtung. Außerdem vermehren sich Veilchen durch Ausläufer. Das Duftveilchen wurde bereits im Mittelalter als Zierpflanze und Heilpflanze angebaut. Man setzte es bei verschiedensten Krankheiten ein – so zum Beispiel bei Husten, bei Kopfschmerzen, nervöser Überreizung und bei Schlafstörungen. Die Pflanze findet Erwähnung in zahllosen Märchen, Sagen, Liedern und Gedichten. Auch im Brauchtum spielte es eine besondere Rolle. Am Wiener Hof zum Beispiel feierte man das erste Veilchen des Jahres mit einem eigenen Fest.

Scharbockskraut

Scharbockskraut,
Foto: A. Benedetter-Herramhof
Anders als bei vielen anderen Frühblühern erscheinen beim Scharbockskraut zuerst die herzförmigen Blätter, die bisweilen dichte Teppiche am Waldboden bilden. Erst später – von März bis Mai – treten die leuchtend gelben Blüten mit den acht bis elf Kronblättern auf, die durch ihre auffällige Färbung zahlreichen Insekten anlocken. Die Pflanze vermehrt sich fast ausschließlich ungeschlechtlich über sogenannte Brutknospen. Diese sind in etwa so groß wie ein Getreidekorn und werden wegen ihres Aussehens auch als Himmelsgerste oder Himmelsbrot bezeichnet. In Notzeiten wurden diese Brutknospen zusammen mit den Wurzelknollen getrocknet, gemahlen und als Mehlersatz verwendet. Essbar sind auch die Blätter des Scharbockskrautes, die in kleinen Mengen (zum Beispiel im Wildpflanzensalat) genossen werden können. Dazu sollten sie jedoch unbedingt noch vor der Blüte gesammelt werden, denn danach sind sie schwach giftig! Dem Umstand, dass sie viel Vitamin C enthalten, verdankt das Scharbockskraut auch seinen Namen: Man verwendete es nämlich früher, um Skorbut zu heilen – eine durch Vitamin C Mangel hervorgerufene Krankheit, die auch als „Scharbock“ bezeichnet wurde. 


Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof

8. Mai 2014

Frauenportrait #12

  #12 Charlotte Andri-Hampel (1863 - 1945)

 

Die Malerin Charlotte Andri-Hampel, die an der Ehe scheiterte, wurde in Wien am 4. Oktober 1863 geboren. 
Die Tochter des Architekten Franz Hampel studierte an der Frauenkunstschule in Wien und danach bei Heinrich Lossow in München (dort war sie bereits in Ausstellungen vertreten). Zu Beginn der 1890er Jahre kehrte die Künstlerin nach Wien zurück, wo sie auch wiederholt ausstellte – so zum Beispiel im Künstlerhaus oder in der Secession. In der Zeit um 1900 favorisierte Charlotte Hampel, die bis dahin hauptsächlich Stillleben gemalt hatte, Dachlandschaften und von Bäumen und Wiesen umgebe Bauerhöfe als Darstellungsgegenstand. Sie konnte mit diesen Sujets den künstlerischen „Anforderungen“ der Jahrhundertwende bestens gerecht werden.

1897 heiratete sie den Maler Ferdinand Andri und beendete ihre Karriere als Malerin – offensichtlich nicht ganz freiwillig – jäh: nach 1900 war sie nicht mehr künstlerisch tätig.
Am 23. Dezember 1945 starb Charlotte Andri-Hampel in Totzenbach in Niederösterreich. Ein Konvolut ihrer Arbeit gelangte nach dem Nachlass ihres 1956 gestorbenen Mannes in den Besitz des Stadtmuseums St. Pölten. Die Malerin hinterließ Stillleben, Landschafts- sowie Genrebilder, außerdem fertigte sie Federzeichnungen und Schriftentwürfe für die Wiener Zeitschrift „Ver Sacrum“ an. 


Charlotte Andri-Hampels Werke sind bis heute Glanzpunkte der Jugendstilsammlung im Stadtmuseum St. Pölten.


Fotos © Stadtmuseum St. Pölten
Text: Büro für Diversität