Profil

Mein Bild
Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

31. August 2015

Die fossile Leidenschaft

Es beginnt mit einem Stein. Einem schönen Stein. Und dann stellt man fest, der Stein hat nicht nur ein selten schönes Muster, sondern er war einmal ein Lebewesen. Und dieses Lebewesen lebte vor vielleicht 150-250 Millionen Jahren. Und nun hält man dieses viele Millionen Jahre alte Lebewesen in der Hand und bestaunt es und es wird einem bewusst, dass es diese ganze unvorstellbar lange Zeit im Bachbett gelegen ist und niemand hat es bemerkt – vielleicht hat es einmal jemand entdeckt und hat es wieder zurück in den Fluss geworfen. Seinen Wert nicht erkannt. Man denkt darüber nach, was dieser Stein wohl schon alles gesehen und erlebt hat. Wie er vom Berg herunter kollerte, im Bachbett durch Unwetter und Hochwasser dahin rumpelte, wie seine Kanten abgerundet wurden, Stücke von ihm abgebrochen sind. Wie er trockene Zeiten und nasse Zeiten überstand, die Jahreszeiten, die Monate, Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende…

Nur ein Augenzwinkern im Leben des Steines 

Ein Brett dient als Arbeitsfläche, die
Arbeit mit dem Winkelschleifer erfordert
Kraft und viel Aufmerskamkeit.
Auf jeden Fall entscheidet man sich dazu, dieses versteinerte Stück Lebewesen mit nach Hause zu nehmen und dort liegt es dann viele Jahre in einem Regal herum und verstaubt. Diese Jahre sind nicht einmal ein Augenzwinkern für das Leben dieses Steines. Und irgendwann, nach vielen Jahren lernt man jemanden kennen, der Steine schleift. Es fällt einem ein, dass man zu Hause ja noch immer diesen Stein rumliegen hat und man sucht ihn und bringt ihn zum Steinschleifer und bittet ihn darum, diesen kleinen Schatz zu schleifen. Irgendwie ist er ja doch was Besonderes, er stammt vielleicht aus der Heimat, ist mit Erinnerungen verknüpft.

Nach einigen Wochen kommt man wieder zum Steinschleifer und man bekommt ein wunderschön glänzendes, farbenprächtiges, versteinertes Lebewesen zurück und kann kaum glauben, dass das einmal dieser Stein war, dessen „Leben“ man zuvor kaum gesehen hatte. Und man hat keine Ahnung, wie viel Material und Zeit und Geduld dieser Steinschleifer aufgewendet hat, um einem diesen Stein zu schleifen.
Im trockenen Zustand war der Stein grau. Zu Hause hat man ihn mal unter die Wasserleitung gehalten und da war er rot. Aber immer wenn er wieder trocknete, war er wieder grau. Das also ist der Grund, warum man Steine schleifen und polieren muss. Damit der Stein die Farbe behält. Und damit er glänzt und seine ganze Schönheit zeigen kann.

Der erste selbst gefundene Ammonit, den ich mit viel
Hilfe eines guten Freundes bearbeiten durfte.

Geheimniskrämerei und Langsamkeit

So stellt man sich bestimmt keinen Fossiliensammler vor.
Mit Schnorchel und Taucherbrille den Grund des Flusses
nach Versteinerungen absuchen.
Man beginnt sich damit zu befassen, woher der Stein eigentlich kommt und was das genau für ein Lebewesen eigentlich war. Man googelt und fragt den Steinschleifer und der erzählt einem vielleicht, wo man solche Ammoniten oder Korallen oder versteinerte Muscheln noch findet. Nicht jeder verrät seine Plätze, denn es gibt leider auch viele Ammonitenjäger die ganz unverliebt einfach nur auf Profit aus sind und dabei alles mit Hammer und Meißel zerklopfen was ihnen in den Weg kommt. Und dann findet man in den Bachbetten nur noch Bruchstücke und Spuren der Verwüstung. Genau deswegen gibt es in vielen Teilen des Mostviertels auch hohe Strafen für Menschen die in Bachbetten nach Steinen suchen. Nicht überall ist das erlaubt.
Die Funde werden am Badetuch gesammelt.

Auch die Beschaffung des Werkzeuges, wenn man selbst Steine schleifen will ist ein Hürdenlauf der bei mir persönlich ein ganzes Jahr lang gedauert hat. Kein Steinschleifer verrät gerne, wo man das Werkzeug bekommt. Schnell stellt man fest, dass die üblichen Baumärkte kaum etwas zu bieten haben. Man braucht Steinmetzfreunde. Ganz dringend. Und Firmen, die nicht nur Großbestellungen für Baumärkte aufnehmen, sondern auch kleinere Mengen an Private verschicken.
Winkelschleifer mit niedrigeren Umdrehungen als die Üblichen, Polierscheiben, Schleifscheiben, die Diamantenen, nicht die für Metall oder Holz, die man in den Märkten bekommt.  Aufsätze, Lederschurz, Mundschutz gegen den feinen Steinstaub, Ohrenschutz gegen den Lärm, einen Ort der dann dreckig werden darf, viel Geduld und nochmal viel Geduld. Und Nachbarn, die den Lärm akzeptieren oder am besten gar keine Nachbarn.

Steine sind langsame Gesellen. Die lassen sich nicht in ein paar Minuten schleifen. Sie lehren einen die Langsamkeit.  An einem faustgroßen Stein schleift man schon mal 4 Stunden bis er so richtig schön glänzt. Und verkaufen will man ihn dann gar nicht mehr, weil niemand diesen ganzen Hintergrund bezahlen kann. Das Suchen und Finden und aus dem Muttergestein brechen und schleifen und polieren erfordert so viel Hingabe und Leidenschaft, dass man so einen Stein dann nicht um 40 Euro verkaufen will.
Deswegen bekommen nur liebe Freunde und Verwandte zu Geburtstagen oder anderen besonderen Anlässen Steine von mir geschenkt.

Vom Wetter abhängig

Da man wegen dem feinen Steinstaub nicht in einer Werkstatt schleifen kann, ist man auf einen Platz im Freien und auf gutes Wetter angewiesen.Im Winter ist also eine Zwangspause angesagt. Steine suchen macht dagegen an Regentagen Sinn, weil man sie im nassen Zustand eben besser erkennen kann. Man braucht einen Blick für Ammoniten und andere Versteinerungen. Oft habe ich Fossilien bei Freunden bewundert, die ich im Rohzustand niemals gefunden hätte, weil ich sie einfach nicht erkannt hätte.


Versteinerte Koralle
Mittlerweile habe ich durch meine Beschäftigung mit Fossilien zwei liebe Freunde gefunden, die ich jederzeit aufsuchen kann, wenn ich Hilfe brauche. Dann wird gefachsimpelt, die neuesten Funde werden bestaunt, es wird verglichen und Wissen weiter gegeben. Sie zeigen mir, wie ich in den Stein schneiden muss, damit ich den Ammoniten nicht zerstöre, geben mir Tipps, woher ich Werkzeug bekomme.  Das ist dann eine besondere Zeit und besonderes Wissen, das gut gehütet sein will und nur an wenige Menschen weiter gegeben wird, weil man das Besondere an der Steinschleiferei weitergeben möchte. Es sollte nicht um Geld gehen, sondern um die Hingabe und die Liebe und die Beziehung zu diesen besonderen Überbleibseln aus der Urzeit.






Text und Bilder: Sonja Raab








TIPP:  Das Objekt des Monats September im Foyer Landesmuseum zeigt einige Fundstücke.




Text und Bilder: Sonja Raab

19. August 2015

Hätten Sie gewusst, ...?

… dass das Landesmuseum Niederösterreich seinen Standort früher in Wien hatte?
Bereits im Jahr 1911 gründete der Verein für die Landeskunde von Niederösterreich den ersten Sitz des Landesmuseums in Wien, erst 2002 wurde das Landesmuseum Niederösterreich im Kulturbezirk in St. Pölten eröffnet.

… dass das Landesmuseum Niederösterreich im Jahr 2002 als erstes österreichisches Museum den Titel „Zoo“ (nach EU-Richtlinie) erhalten hat?
Grundlage dafür sind die vielen lebenden Tiere, die es im Naturbereich zu bestaunen gibt. Das ist natürlich mit allerlei strengen Auflagen verbunden: ausgebildete TierpflegerInnen, Tierarztvisiten, unzählige Kontrollen uvm. Weil aber die Tiere das Vorhaben, ein lebendiges Museum zu betreiben, unterstützen, nimmt man auch entsprechende Kosten in Kauf.


… dass die vier großen Aquarien im Naturbereich des Museums zusammen etwa 182.000 Liter Wasser fassen?
Mit dieser Menge Wasser könnte man sich mehr als dreieinhalb Jahre lang täglich ein Vollbad einlassen. Oder man könnte damit 50 Jahre lang das Trinkwasser für eine 4-köpfige Familie bereitstellen.


… dass die Wassertemperatur in den Aquarien eine besonders heikle Angelegenheit ist?
Die heimischen Fische brauchen nämlich je nach Jahreszeit gewisse Temperatur-Schwankungen, damit sie sich im Museum wohl fühlen. Sichergestellt wird das durch die computergesteuerte Regeltechnik.


… dass das Landesmuseum Niederösterreich inkl. Shedhalle (ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH) zusammen eine Ausstellungsfläche von 5.200 m² hat?
Das entspricht immerhin der Größe zweier Fußballfelder. Und dazu kommt noch der Museumsgarten mit einer Größe von 2.500 m².


Text: Claudia Hauer
Bilder: Claudia Hauer, © Landesmuseum Niederösterreich

11. August 2015

Anis – Heilpflanze des Jahres 2014

Echter und „unechter“ Anis



Zwischen den vielen Kräutern in unserer Sonderausstellung
"Warzenkraut und Krötenstein" ist auch Anis zu finden.
Anis, der auch unter der Bezeichnung Süßer Kümmel oder Römischer Fenchel bekannt ist, stammt ursprünglich aus Asien und den südöstlichen Mittelmeerländern. Nachweislich verwendet wurde die Pflanze bereits um 1.500 v. Chr. Mönche des Benediktiner-Ordens brachten den Anis im 8. Jahrhundert n. Chr. schließlich nach Mitteleuropa, wo er rasch in zahlreichen Klostergärten Einzug hielt. Heute wird Anis nicht nur im Mittelmeerraum, sondern weltweilt in Gebieten mit gemäßigtem Klima angebaut. Allerdings benötigt er während der Blütezeit viel Sonne, um sein kräftiges Aroma voll zu entfalten. Bei uns findet man ihn gelegentlich in Gärten – an geschützten, gut besonnten Standorten. Wildwachsend ist er dagegen nur selten anzutreffen. Immer stärker wird der Echte Anis (Pimpinella ansium) heute jedoch vom ertragreicheren Sternanis abgelöst, der aus China stammt. Die beiden Pflanzen sind nicht näher miteinander verwandt. Einzig in der Zusammensetzung des ätherischen Öls ähneln sie einander.


Unscheinbarer Doldenblüter mit wertvollen Inhaltstoffen


Anis © Thinkstock

 
Anis ist eine einjährige, krautige Pflanze, die eine Wuchshöhe von bis zu 60 cm erreicht. Der aufrecht wachsende, verzweigte Stängel ist nur spärlich behaart. Die Blätter sind verschiedengestaltig: Die grundständigen Blätter sind rund bis herzförmig und nur am Rand leicht eingeschnitten; die Stängelblätter dagegen sind stark gefiedert. Zwischen Juni und August bildet die Pflanze zahlreiche kleine, weiße Blüten aus. Sieben bis fünfzehn solcher Blüten ergeben eine sogenannte Dolde. Zwölf Dolden wiederum bilden gemeinsam eine Doppeldolde (wie man sie zum Beispiel auch bei der Möhre oder beim Kümmel findet). Im September entwickeln sich aus den Blüten die unscheinbaren, maximal 5 mm großen Spaltfrüchte, die bei Reife in zwei Teilfrüchte zerfallen. Diese Früchte werden im Frühherbst im noch unreifen Zustand geerntet und anschließend nachgetrocknet. Sie enthalten ein ätherisches Öl, dessen Hauptbestandteil – das sogenannte Anethol – für das klassische Anis-Aroma verantwortlich ist.


Gewürz und Heilmittel


Getrockneter Anis im Glas
Anis gehört zu den ältesten Arzneimitteln der Welt. Erste Belege für die Verwendung der Pflanze gehen bis ins Altertum zurück. So rühmte beispielsweise schon Pythagoras die Heilkräfte der Pflanze. Neben Fenchel und Kümmel bildete Anis einen festen Bestandteil des sogenannten „Theriak“ – eines Universalheilmittels, das gegen die unterschiedlichsten Krankheiten und Gebrechen eingesetzt wurde, von Verdauungsproblemen bis hin zum Schlangenbiss. Genau wie die Griechen verwendeten später auch die Römer den Anis als Heil- und Gewürzpflanze. Besonders geschätzt wurde die Pflanze während des Mittelalters, als man ihr neben verschiedenen Heilwirkungen auch zahlreiche magische Fähigkeiten zuschrieb. (Zudem erfreuten sich Aniswein und Anisbier zu jener Zeit großer Beliebtheit.) Heute findet der Anis, der tatsächlich ein breites Spektrum an heilenden Wirkungen besitzt, nach wie vor medzinische Anwendung – etwa als Hustenmittel oder bei Magen-Darm-Beschwerden. Auch in der Küche wird der äußerst geschmacksintensive und süßlich-würzige Anis geschätzt. Backwaren und Spirituosen verleiht er ein lakritzartiges Aroma. Außerdem findet Anis aufgrund seines angenehmen, aromatischen Geruchs Verwendung in der Duftindustrie.


Gegen Bronchitis, Bauchgrimmen und den bösen Blick


Anis wirkt antibakteriell, schleim- und krampflösend. Er regt die Produktion von Speichel und Magensaft an und fördert daher die Verdauung. Verantwortlich für diese Eigenschaften ist der im Anisöl enthaltene Wirkstoff Anethol. Das ätherische Öl aus der Anispflanze wird durch die Wasser-Destillation der Samen oder der Spreu gewonnen. Man kann es innerlich und äußerlich anwenden. Allerdings darf reines Anisöl auf keinen Fall unverdünnt genossen werden! Verdünnt mit fettem Öl oder mit Salbengrundlage kann man es zum Beispiel für Einreibungen verwenden, die gegen Husten sowie gegen Magen- und Darmkrämpfe helfen. Und da das ätherische Öl der Anispflanze auch antibakterielle Wirkung hat, mengt man es Halstabletten, Mundwässern und Zahncremes bei. Auch als Duftöl wird das Öl der Anispflanze verwendet, um Unruhe und Schlaflosigkeit zu bekämpfen. Innerlich angewandt wird Anis vor allem in Form von Tees (häufig in Kombination mit Fenchel und Kümmel). Diese Tees und Teemischungen helfen bei Verdauungsstörungen, Husten, Entzündungen der oberen Atemwege und fördern den Milchfluss bei stillenden Müttern. Anis wird außerdem bei Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Asthma eingesetzt. In der Volksmedizin verwendete man ihn auch gern als Aphrodisiakum. Und das Waschen mit Aniswasser verhalf Frauen angeblich zu einem jugendlichen Aussehen. Außerdem wurden der Anispflanze allerlei magische Wirkungen zugeschrieben. Bei schlechten Träumen etwa legte man getrocknete Anispflanzen unter das Kopfpolster. Außerdem schützte man sich mit der Pflanze gegen Verwünschungen und den bösen Blick.

Informationen zu unserer derzeitigen Ausstellung "Warzenkraut und Krötenstein" auf unserer Homepage unter http://www.landesmuseum.net/de/ausstellungen/sonderausstellungen/warzenkraut-kroetenstein-1

Text: Dr. Andrea Benedetter-Herramhof
Fotos: Claudia Hauer, © Landesmuseum Niederösterreich

 

6. August 2015

Ausstellung ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH St. Pölten

FRANZ XAVER ÖLZANT. IDEE – PROZESS – FORM

28/03 – 23/08/2015

Als Student der Klasse für Bildhauerei bei Hans Knesl beschäftigte sich Franz Xaver Ölzant zunächst mit figuralen Darstellungen. Dabei orientierte er sich schon früh an internationalen Fragestellungen und gelangte bald zu höchst eigenständigen Lösungen: „Wichtig war für mich, den biologischen Akzent in Form zu erkennen und das sogenannte klassische Prinzip des Figuralen zu hinterfragen“, so der Künstler.
Der junge Franz Xaver Ölzant bei der Arbeit
© Foto Archiv Ölzant

1958 kehrt er an den Ort seiner Kindheit, nach Pfaffenschlag im nördlichen Waldviertel, zurück. Bis heute findet er dort jene Konzentration für seine Arbeit, die – wie er rückblickend meint – in einem urbanen Umfeld nicht möglich gewesen wäre.

In den 1960er-Jahren begann sich Ölzant zunehmend biomorphen Formen zuzuwenden, die er unter Anwendung additiver Prinzipien mit Rhythmik des Ornaments und Versatzstücken des Figurativen verband. Der Versuch, die komplexen Prozesse der Natur in die Sphäre der Kunst zu transferieren und sie in eine abstrakte Bildsprache zu übersetzen, ist seither ein zentraler Aspekt seines Schaffens, bei dem Idee, Prozess und Form in ständiger Wechselwirkung stehen.

Ölzant mit den bearbeiteten Diorit-Findlingen
© Daniel Hinterramskogler
 
Ölzants Gesamtwerk zeichnet sich sowohl durch formale Vielfalt als auch durch Offenheit gegenüber verschiedenen Materialen aus. Ein Spezifikum seines bildhauerischen Œuvres ist die Bearbeitung von Diorit-Findlingen, die in der Landschaft des nördlichen Waldviertels häufig anzutreffen und ob ihrer besonderen, natürlich entstandene Form seit jeher mythenumrankt sind. Ölzant ist es wichtig, die ursprüngliche Gestalt des Steins nicht zu verändern, sondern sie durch graphisch-zeichenhafte Strukturierungen der Oberfläche zu verstärken: „So ist mein künstlerischer Eingriff stets eine Begegnung mit dem Stein auf halbem Weg.“

In den 1990er- und 2000er-Jahren rückten lineare und kristalline Strukturen in den Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses: Äste, Halme, Bündel und Haufen fungieren als Modellsysteme für ein völlig neues Konzept räumlichen Gestaltens. Darüber hinaus realisierte Ölzant zahlreiche Skulpturen im öffentlichen Raum.

Ölzant mit den beiden Kuratorinnen Alexandra Schantl und Elisabeth Voggeneder

Ausstellungsort: Landesmuseum Niederösterreich, Shedhalle, Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Öffnungszeiten: Di – So 9.00 – 17.00 Uhr, www.zeitkunstnoe.at

Letzte öffentliche Führung – 16. August 2015, 13:00 Uhr
Dauer: ca. 60 Minuten, Führung pro Person: 3 EUR (exkl. Eintritt), keine Anmeldung erforderlich
 

30. Juli 2015

Das Museum einmal anders erleben – als Praktikantin

Als Praktikantin im Einsatz
Sollten Sie unsere Blog-Beiträge und Facebook-Postings fleißig verfolgt haben, so haben Sie sicher schon den einen oder anderen Beitrag von mir gelesen oder zumindest meine Fotos betrachtet. Mein Name ist Claudia und ich darf seit Anfang März diesen Jahres das Team des Landesmuseums Niederösterreich für sechs Monate im Bereich Marketing unterstützen. Meine Zeit hier geht also schon bald zu Ende …

Wie ich zu diesem Praktikum gekommen bin?
Als Studentin!


Fachhochschulen legen nämlich großen Wert darauf, dass ihre Absolventinnen und Absolventen auch einen gewissen Bezug zur Praxis haben. So ist es in meinem Studium am IMC Krems vorgesehen, dass sich jede Studentin und jeder Student für das vierte Semester eine Stelle in einem Unternehmen sucht und dort mitarbeitet.

Dadurch bin ich also im Landesmuseum Niederösterreich gelandet – und hatte ehrlich gesagt nur vage Vorstellungen, was genau mich hier erwarten würde. Denn unter den Begriff „Marketing“ fallen so viele verschiedene Tätigkeiten, dass man sie selbst mit zwei Händen nicht abzählen kann. Doch nun – nach fast fünf recht kurzweiligen Monaten – kann ich schon einen guten Überblick geben.
Weil aber das Aufzählen von Tätigkeiten wenig spannend ist, habe ich hier eine Bilder-Collage zusammengestellt, die einige meiner Arbeiten darstellt:


Natürlich bestehen meine Arbeiten nicht nur darin, Fotos zu machen und diese mit unterschiedlichen Texten auf Facebook, im Blog oder auf der Homepage zu veröffentlichen. Ich kümmere mich auch um die Aktualisierung unserer Besucherdatenbank und mache (mal selbstständig, mal mit meinen KollegInnen) die Post-Aussendungen an unsere Besucherinnen und Besucher. Bei Veranstaltungen wie Ausstellungs-Eröffnungen oder Buchpräsentationen unterstütze ich meine verantwortlichen KollegInnen so gut es geht bei der Organisation im Vorfeld sowie während der Veranstaltung. Ein Highlight war unter anderem unser Stand auf der Messe Wieselburg, wo ich beim Auf- und Abbau dabei war und auch für einen Tag die Standbetreuung auf der Messe übernehmen durfte.

Messestand auf der INTER-AGRAR in Wieselburg
Neben diesen – ich sage einmal Hauptaufgaben dazu – bekam ich natürlich immer wieder kleinere Aufträge, die ich zwischendurch erledigen konnte. Somit hatte ich die Möglichkeit, sehr selbstständig zu arbeiten und mir selbst einzuteilen, wann ich welche Arbeiten erledige.

Arbeiten im Landesmuseum Niederösterreich? Jederzeit wieder!


Das Praktikum im Landesmuseum hat mir wirklich große Freude bereitet und durch die angenehme und ruhige Atmosphäre fühlte ich mich vom ersten Tag an wohl und gut aufgehoben. Durch die vielen verschiedenen Arbeiten, in die ich eingebunden wurde, konnte ich viel Neues lernen und die Zeit verging meist wie im Flug.

Auch wenn mein Praktikum nun bald zu Ende ist – ich werde dem Landesmuseum Niederösterreich sicher als Besucherin erhalten bleiben und in Zukunft ein paar Mal vorbeischauen!


Text: Claudia Hauer
Fotos: Claudia Hauer, © Landesmuseum Niederösterreich
 

23. Juli 2015

ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH ST. PÖLTEN

FRANZ XAVER ÖLZANT. IDEE – PROZESS - FORM

 bis 23/08/2015

Buchpräsentation mit Elisabeth Voggeneder,
Franz Xaver Ölzant und Alexandra Schantl
© Foto: Gerald Lechner
Am Sonntag, dem 17. Mai 2015, fand im Rahmen des Internationalen Museumstages in Anwesenheit des Künstlers ein gut besuchtes Begleitprogramm zur Ausstellung "Franz Xaver Ölzant. Idee - Prozess - Form" statt, die in der Shedhalle St. Pölten noch bis 23. August 2015 zu sehen ist.

Alexandra Schantl, die künstlerische Leiterin der Zeit Kunst Niederösterreich, präsentierte die von ihr herausgegebene, 304 Seiten umfassende Monografie "Franz Xaver Ölzant", Band 10 aus der Schriftenreihe der Zeit Kunst Niederösterreich, mit dem Ziel, das Werk des Künstlers von seinen Anfängen in den 1950er Jahren bis zur Gegenwart aufzuarbeiten und die Personalausstellung nachhaltig zu dokumentieren. So enthält die reich bebilderte Publikation auch zahlreiche, von Christoph Fuchs festgehaltene Raumansichten der Schau. Neben einem von Alexandra Schantl geführten Interview mit dem Künstler stammen zusätzliche Textbeiträge von der Kuratorin Elisabeth Voggeneder, die die künstlerische Entwicklung Franz Xaver Ölzants beleuchtet, und von Silvie Aigner, die jene Arbeiten im öffentlichen Raum behandelt, die in der Ausstellung mit Fotos dokumentiert sind. Die weiteren Autoren Peter Weiermair, Otmar Rychlik, Rainer Fuchs und Horst Appel, der mit einem sehr persönlichen Beitrag vertreten ist, gaben ihre Zustimmung zum Wiederabdruck früherer Texte.
 
 


Ein umfangreicher Anhang mit Biografie und Ausstellungsverzeichnis rundet die im Kerber Verlag erschienene deutsch-englische Publikation ab.




Den anschließenden Ausstellungsrundgang eröffnete Elisabeth Voggeneder, die die Schau gemeinsam mit Alexandra Schantl konzipiert hat und für die Werkauswahl verantwortlich zeichnet, mit Arbeiten aus den 1950er und 1960er Jahren in Bronze und Stein, bei denen sich der 1934 im steirischen Oberzeiring geborene Künstler noch im figürlichen Bereich bewegt, jedoch schon Tendenzen zur Abstraktion aufweist, beispielsweise am Kopf seines 1958 geschaffenen "Stehenden". Franz Xaver Ölzants Faszination für die Antike wird spürbar in Werken wie der "Samischen Figur" aus den Jahren 1963-1964, die einer säulenhaften, mächtigen Göttin mit kanneliertem Gewand der griechischen Insel Samos nachempfunden ist, und dem 1969 geschaffenen "Poseidon", der als Gott des Meeres an einen Seestern oder einen Tintenfisch mit Tentakeln denken lässt. Es ist interessant, Franz Xaver Ölzant selbst zuzuhören, wenn er sehr eloquent davon spricht, die Bausteine, die Prinzipien, die ein Lebewesen ausmachen, in einem Abstraktionsprozess zur Skulptur umzugestalten. Bei manchen insbesondere seiner frühen Werke fühlt man sich an seinen besten Bildhauerfreund Bruno Gironcoli erinnert, dessen Witwe bei der Veranstaltung anwesend war.

Ausstellungsrundgang mit Elisabeth Voggeneder, Alexandra Schantl und Franz Xaver Ölzant
© Foto: Gerald Lechner

Das "Endloskonzept" der Jahre 1973-1976 knüpft mit seinen Schlingen formal stark an Poseidon an und wirft zugleich die Frage auf, wann ein Kunstwerk als vollendet gilt. Dies lässt mit seinem Prinzip der Wiederholung einfacher Grundelemente, auf das Alexandra Schantl ganz besonders hinwies, an Constantin Brancusis "Endlose Säule" denken. Zugleich ist es Franz Xaver Ölzant wichtig, das Gewicht seiner Arbeiten zumindest optisch aufzuheben, weswegen er sich schon seit den 1960er Jahren mit Hängeobjekten beschäftigt. Diese Auflösung des monolithischen Volumens begegnet dem Betrachter auch in der "Nike" aus dem Jahr 1980, in der die Flügel der Siegesgöttin durch Löcherungen aufgebrochen und so zu Luft-Raum-Gebilden werden.
 
Eröffnung © Foto: Daniel Hinterramskogler
Der Künstler, der in Pfaffenschlag lebt, beschäftigt sich auf besonders interessante Art und Weise mit einem Phänomen des Waldviertels, den so genannten Restlingen. Indem Franz Xaver Ölzant diesen Steinblöcken ihre natürliche Form belässt und sie mit minimalistischen, zeichenhaften Strukturen versieht, vergisst er laut eigener Aussage darauf, ein figuraler Bildhauer zu sein, und bringt sich stattdessen nur punktuell und peripher ein. In der Schau sind Diorite vertreten, mit denen der Künstler in Pfaffenschlag lebt. Schlendert der Ausstellungsbesucher durch diese Gruppe subtil bearbeiteter Steine, kommt er Franz Xaver Ölzant ein großes Stück näher.

In den 1990er Jahren entdeckt der Künstler Aluminium als neues Material für sich, das seinen Skulpturen ganz besondere Transparenz und Leichtigkeit verleiht. Zu dieser Werkgruppe zählt die Arbeit "Serengeti" aus dem Jahr 2006, in der Raum, Fläche und kugelartig gestaltete Körner in einen spannungsreichen Dialog treten. Ganz wie zuvor beim Stein spielt auch in Ölzants Aluminiumarbeiten der Bezug zur Natur weiterhin eine große Rolle.

Die Ausstellung gibt einen sinnlich erfahrbaren Überblick über 60 Jahre Bildhauerei, in denen Franz Xaver Ölzant konsequent und geradlinig seinen Ideen gefolgt ist, diese in unterschiedlichsten Arbeitsprozessen in die ihm ganz eigenen Formen gegossen und dabei ein facettenreiches Oeuvre hervorgebracht hat.

Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der Homepage http://www.zeitkunstnoe.at/de/st.-poelten/ausstellungen/aktuell
 
Text: Mag. Ursula Düriegl

20. Juli 2015

Zeit für einen Besuch bei den TierpflegerInnen

Peter, Marlene und Lisa (von links nach rechts)
mit Stofftieren aus dem Museums-Shop
Die Sommerzeit ist für die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Landesmuseum Niederösterreich eine eher ruhige Zeit – nicht so für unsere Tierpflegerinnen Marlene und Lisa sowie unseren Tierpfleger-Lehrling Peter. Denn ab dem Frühling herrscht einerseits „Hochsaison“ für den Nachwuchs, andererseits muss neben den Innenanlagen auch der Museumsgarten mit seinen Tieren und Pflanzen gepflegt werden.


Trotz der arbeitsintensiven Zeit hat sich Marlene bereit erklärt, mir etwas über die Arbeit als Tierpflegerin und unsere zahlreichen Tiere zu erzählen.


Wann beginnt normalerweise morgens euer Dienst?


Grundsätzlich fangen wir täglich um 6:00 Uhr an, denn um 9:00 Uhr sperrt ja schon das Museum auf und da wollen wir mit unserer Arbeit im Naturbereich fertig sein. Danach versorgen wir die Tiere, die in unseren drei Kellerräumen untergebracht sind und im Anschluss werden dann die anstehenden Arbeiten im Museumsgarten erledigt. Dienstschluss ist immer gegen 15:00 Uhr .

   Jungtiere werden hier besonders gut umsorgt   

Wie viele Tiere haben im Museum ihr Zuhause?


Also die Anzahl unserer Tiere variiert ziemlich stark, ich würde aber sagen, dass wir momentan etwa 300 Tiere im Haus haben. Diese Zahl hängt einerseits mit der momentanen Jungtiersaison zusammen, andererseits auch mit den Futterlieferungen. Da unsere Tiere Großteils lebendes Futter bekommen, müssen wir uns natürlich auch um diese kümmern.


Gibt es dabei eine Tierart, die vorherrscht?


Wenn man es artspezifisch betrachtet, dann sind das ganz sicher die Ameisen – davon haben wir besonders viele!




Die Ameisen sind dann sicherlich auch die kleinsten Tiere – aber welche sind die größten?


Ja, das ist richtig! Unser größtes Tier ist der Wels. Durch die Verzerrung des Aquarium-Glases und des Wassers ist es schwer zu schätzen, wie groß er ist, aber ca. eineinhalb Meter wird seine Größe schon ganz gut treffen.

Wann werden die Tiere gefüttert, gibt es da bestimmte Zeiten?


Bei der Fütterung versuchen wir möglichst gut auf die Bedürfnisse der jeweiligen Tiere einzugehen, woraus sich auch ein relativ schwer zu durchschauender Fütterungsplan ergibt. Vereinfacht kann man aber sagen, dass es zwei Fütterungstage pro Woche gibt, wo alle Tiere versorgt werden. Ausnahmen bilden dann zum Beispiel die Jungtiere der Reptilien und Amphibien, denn diese brauchen täglich Nahrung, oder die ausgewachsenen Schlangen, die nur alle zwei Wochen Futter bekommen.


Tierpfleger-Lehrling Peter bei der Fütterung der Sumpfschildkröten im Außenbereich

Wie viel Futter braucht man dann für diese Tiere?


Naja das ist gar nicht so einfach zu sagen, denn die meisten Lieferungen kommen automatisch, weil gewisses Futter natürlich regelmäßig benötigt wird. Aber auf der letzten Rechnung waren zum Beispiel 200 Stück Heuschrecken oder 2.000 Stück Heimchen aufgelistet.

 

Welche Tätigkeiten fallen neben der Tierfütterung noch in euren Verantwortungsbereich?


Das ganze Jahr über müssen wir natürlich die Aquarien und Terrarien sauber halten, das heißt, innen putzen sowie die Pflanzen, Steine und den Untergrund bei Bedarf erneuern. Jetzt im Sommer kümmern wir uns auch um den Museumsgarten, also Pflanzen gießen und schneiden, den Filter im Teich wechseln sowie den Teich putzen, wir übernehmen also im Sommer auch immer wieder die Rolle eines Gärtners.

Passieren bei der Arbeit auch manchmal „Hoppalas“?


Natürlich passiert so etwas! Als zum Beispiel unser früherer Kollege noch im Haus war, wollte dieser im Naturbereich das Aquarium-Glas putzen. Dafür haben wir große Putz-Magnete, mit denen man aufgrund der magnetischen Anziehung natürlich vorsichtig hantieren muss. Ihm ist dann leider das Missgeschick passiert, dass er mit dem Magneten zu nahe an das Metallgeländer geraten ist, wo sich der Putz-Magnet natürlich angeheftet hat. Er hat es dann zwar geschafft, den Magneten vom Geländer herunter zu bekommen, da aber hinter ihm ein Abluftrohr – ebenfalls aus Metall – war, blieb der Magnet dann gleich wieder dort hängen, was natürlich lustig zum Ansehen war.

Ein anderes Mal mussten wir den Teich im Museumsgarten putzen. Da das aber ein schwieriges Unterfangen war, wenn man außerhalb des Teiches steht, beschlossen wir, das Ganze im Bikini, mit Schnorchel und Taucherbrille zu erledigen.


Text: Claudia Hauer
Fotos: Fabian Röper, Claudia Hauer © Landesmuseum Niederösterreich
 

15. Juli 2015

Im Wald wackeln die Steine

„Mein Waldviertel“, herausgegeben von Wolfgang Kühn, rezensiert von Gerhard Hintringer

Buch "Mein Waldviertel" von Wolfgang Kühn
Ein Dutzend Autorinnen und Autoren schickt Wolfgang Kühn in der Viertels-Anthologie „Mein Waldviertel“ auf literarische Erkundungsreise. Beiträge stammen von Weggezogenen, Dortgebliebenen und Hingezogenen. Anekdoten aus dem (historischen) Landleben wechseln mit der Spurensuche an Orten der Kindheit und Erkundungen der (Seelen-)Landschaft ab. Allgegenwärtig sind die Wasserläufe von Thaya, Kamp und Donau.

Denke ich an das Waldviertel, fallen mir Kälte, Nebel, Granit und Bäume ein, die sanften Hügel des Südens und die Schroffheit des Nordens. Und die erstaunliche Dichte an Intellektuellen und Kunstschaffenden, die dort anzutreffen ist. Das mag mehr mit abgeschiedenem Rückzugsgebiet zu tun haben, als mit einfachem Leben und Mängeln in der Infrastruktur.

Anders als im Band „Mein Mostviertel“ (zu finden unter http://www.landesmuseum.blogspot.co.at/2015/07/drunten-im-keller-plaudert-der-most.html), wo beispielsweise die Berge gänzlich vernachlässigt werden, kommen hier alle Ecken des Viertels zu literarischen Ehren. Von Gmünd im NW, Krems im SO, Drosendorf in NO und dem Ostrong im SW. Mella Waldsteins diagonaler „Wandermonolog“ auf der Suche nach dem „echten Waldviertel“ ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.

Eine einheitliche Charakteristik für das Waldviertel kann es nicht geben, man vergegenwärtige sich nur die Unterschiede zwischen Moorlandschaft und Weinberg. Landschaften prägen nun einmal den Menschenschlag und umgekehrt. Einige Gemeinsamkeiten sind aus den Texten dennoch herauszulesen. Im Waldviertel sind die Menschen hilfsbereit (ohne gegenseitige Hilfe ist man dort vermutlich auch ziemlich aufgeschmissen) und freundlich (sogar Leute mit Wiener Autokennzeichen sollen schon zurückgegrüßt worden sein). Auch einige Rekorde kann das Waldviertel verzeichnen: die billigsten Bauplätze in Ludweis-Aigen, das größte Lagerhaus weltweit in Zwettl (das habe ich nicht überprüft, sondern einfach geglaubt) und den größten Truppenübungsplatz Mitteleuropas als Zentrum des Viertels.




Für Esoteriker ist es ein Zauberland, ein mythengetränkter Landstrich, wo hinter jedem Wackelstein, hinter jeder Fichte ein Troll hockt. Man denke nur an die geradezu unendlichen Möglichkeiten des Bäume-Umarmens und die unübersichtliche Anzahl an „Kraftplätzen“, die sich auch als UFO-Tankstellen bestens eignen. Die kultigen Wackelsteine sind übrigens Restlinge und keine Findlinge.



„So schön ruhig ist´s hier“, ist freilich nur ein schwacher Trost für Dörfer ohne Gasthaus und Geschäft, Bahnstationen ohne Züge. Für Liebhaber einsamer Fahrten in Bussen mit gesprächigen Chauffeuren ist es hingegen das Paradies. Das Beste wird aber sein, das Buch zu lesen, sich Anregungen zu holen und sich selbst ein Bild zu machen.


Linde Wabber - Atelier Bodo Hell


Illustriert wurde der Band von Linde Waber, die in Wien, Zwettl und auf Reisen lebt, wie sie schreibt.





Autorinnen/Autoren:
Wolfgang Kühn
Cordula Bösze, Isabella Breier, Josef Haslinger, Bodo Hell, Robert Kraner, Roman Marchel, Andreas Nastl, Gabriele Petricek, Thomas Sautner, Bernadette Schiefer, Mella Waldstein und Andreas Weber.

Wolfgang Kühn ist Mitbegründer des Festivals „Literatur & Wein“, des Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich (ULNÖ), der Literaturzeitschrift „DUM – Das ultimative Magazin“ und Stimme der Formation „Zur Wachauerin“.


Das Buch ist im gut sortierten Buchhandel und im Shop des Landesmuseums erhältlich. Es kostet 22 Euro, ISBN 978-3-902717-20-7, 288 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

Links
www.literaturedition-noe.at, Email: noe-literaturedition@noel.gv.at
http://boesze.klingt.org
www.bodohell.at
www.schreibwerkstatt.at
www.gabrielepetricek.at
www.thomas-sautner.at
www.lindewaber.com
 

8. Juli 2015

Drunten im Keller plaudert der Most

Mein Mostviertel – Anthologie, herausgegeben von Wolfgang Kühn
Eine Rezension von Gerhard Hintringer



Mein Mostviertel - Anthologie,
herausgegeben von Wolfgang Kühn
Mit „Mein Mostviertel“ legt Wolfgang Kühn nach „Mein Waldviertel“ (Rezension folgt) die zweite Anthologie zu den Vierteln Niederösterreichs vor. Er versammelt 19 Autorinnen und Autoren und gesteht in seinem einleitenden „Versuch über das Mostviertel“, von jenem keine Ahnung zu haben. Dafür ist das Buch exzellent gelungen. Den Most hat der Herausgeber jedenfalls gefunden, das dazu gehörige Viertel befindet sich nun auch zwischen zwei Buchdeckeln. Die Beiträge folgen dem Alphabet, beginnend mit Zdenka Becker, abschließend mit Michael Ziegelwagner.

Die Zugänge zum Mostviertel sind vielfältig wie das Mostviertel selbst. Meist ist das Viertel mehr als eine schöne Landschaft mit dem Mostkrug als Wahrzeichen, durchschnitten von der Westautobahn, der Donau als Demarkationslinie und Vierkanthöfen als „Bauernburgen“. Die Kulturlandschaft Mostviertel ist aber vor allem eine innere Landschaft, Mostviertlerblut ist schließlich kein Birnensaft. Persönliche Erinnerungen aus Kindheit und Jugend mit dem je eigenen Kolorit spielen in vielen Texten die zentrale Rolle. Damit auch die Angst, dass sie einem nicht einmal selbst gehören. Die Frage, ob das Mostviertel wegen des Mosts so heißt oder der Most wegen des Viertels, muss offen bleiben. Oder ist es gar der Superlativ des englischen much: most, das Meistviertel?

Da können Sprachbarrieren schon einmal dazu führen, dass vergorene Dirndlfrucht und Kleidungsstück nicht mehr scharf zu trennen sind, aber wie lautet das Angebot der Mostviertler Bevölkerung an die gebürtige Tschechin Zdenka Becker: „Wenn du mit uns viel sprechen, dann du gut Deutsch lernen.“ Was soll da noch schiefgehen? Dort, wo Traktoren groß wie indische Elefanten sind, ist Pixendorf, von Leipzig mit der Bahn sehr leicht erreichbar, wie zu lesen ist. Bequemer ist allerdings die Lektüre der Texte, was hiermit wärmstens empfohlen wird, auch wenn der Mostviertelbezug nicht immer gleich deutlich wird. Dass Schreibende einzig in der Sprache beheimatet sein sollen, scheint mir nicht mehr so gewiss.

Das Titelzitat stammt von Herbert Pauli.

Autorinnen/Autoren: Zdenka Becker, Fabian Faltin, Thomas Havlik, Hermann Niklas, Herbert Pauli, Martin Pollack, Martin Prinz, Barbara Pumhösel, Hans Raimund, Evelyn Schlag, Julian Schutting, Maria Seisenbacher, Cornelia Travnicek, Erwin Uhrmann, Manfred Wieninger, herbert j. wimmer, Magda Woitzuk, Gerhard Zeillinger und Michael Ziegelwagner.

Wolfgang Kühn


Wolfgang Kühn ist Mitbegründer des Festivals „Literatur & Wein“, des Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich (ULNÖ), der Literaturzeitschrift „DUM – Das ultimative Magazin“ und Stimme der Formation „Zur Wachauerin“.




Das Buch ist im gut sortierten Buchhandel und im Shop des Landesmuseums erhältlich. Es kostet 22 Euro, ISBN 978-3-902717-28-3, 320 Seiten, geb. mit Schutzumschlag

Links
www.literaturedition-noe.at, Email: noe-literaturedition@noel.gv.at
www.zdenkabecker.at
www.fabianfaltin.com
www.thomashavlik.net
www.wortwerft.at
www.kulturschuppen.at
www.thomashavlik.net
www.mariaseisenbacher.com
www.corneliatravnicek.com
www.erwinuhrmann.com
www.manfredwieninger.com
www.magdawoitzuk.com

3. Juli 2015

#19 Feldscherer, Wundarzt, Chirurg

Erste Spuren chirurgischer Behandlungen finden sich bereits an Skeletten der Steinzeit. Durch Jahrhunderte hindurch waren große chirurgische Eingriffe meist nur das Ultimum Remedium – das letzte Mittel der ärztlichen Kunst. Eingesetzt wurden sie bei Unfällen, wenn es etwa galt, Knochenbrüche zu verarzten, oder bei Kriegsverletzungen, wenn Wunden versorgt werden mussten. Die älteste Armamputation wurde an einem männlichen Neandertaler vor ca. 50.000 Jahren durchgeführt.

Wissen und Kenntnisse der antiken Größen auf dem Gebiet der Chirurgie wurden in den Klosterbibliotheken und im arabischen medizinischen Schriftgut bewahrt und tradiert. Bis ins Hochmittelalter hinein war es Mönchen und Geistlichen erlaubt, auch chirurgische Eingriffe vorzunehmen. Das änderte sich: Ab 1130 wurde auf den diversen Konzilen mehr und mehr die ärztliche Betätigung von Klerikern eingeschränkt, bis schließlich auf dem Konzil von Tours 1163 operative Eingriffe den Mönchsärzten zur Gänze verboten wurden. So konnte und musste sich eine neue Klasse von Heilbehandlern herausbilden: Barbiere, Bader, Wundärzte. Diese führten nun einfache chirurgische Behandlungen durch wie Aderlass, Zahnextraktionen, Öffnen von Abszessen, Verbinden und Behandeln von Wunden etc. So kam es für 700 Jahre zu einer Abspaltung der Chirurgie von der wissenschaftlichen akademischen Medizin. Die Ausbildung erfolgte nicht mehr an Universitäten, sondern in der Praxis eines Wundarztes in der Form einer Lehre. Das hieß aber nicht, dass die Chirurgie deshalb in ihrer Entwicklung stagnierte.

Chirurgische Handschriften und ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert Drucke spiegeln das umfassende Wissen und das weite Arbeitsfeld dieser frühen Chirurgen. Gute Beispiele für das ausgehende Mittelalter sind die „Chirurgia" (1497) des Hieronymus Brunschwig (1450-1533) und das „Feldbuch der Wundtartzney" (1517) des Hans von Gersdorffs (gest. um 1517). Nach einer Einleitung, die Anweisungen zum korrekten Verhalten eines Wundarztes enthält, beschäftigt sich das ältere Werk in den folgenden fünf „Traktaten" mit der Behandlung von Wunden, stumpfen Verletzungen durch Schlagen und Stoßen, Beinbrüchen und Verrenkungen. Im letzten Teil erhält man Anweisungen zur Zubereitungen von Arzneien, Pflastern, Salben und dgl. mehr.

Abb. 1: Aderlassmann
Das jüngere Werk ist inhaltlich anders aufgebaut. Es umfasst insgesamt vier Traktate, die wiederum in Kapitel unterteilt sind. Der erste Traktat beschäftigt sich zunächst sehr detailliert mit der Anatomie des menschlichen Körpers. Vor dem 13. Kapitel ist ein ganzseitiger Holzschnitt eingeschoben, der einen stehenden Mann mit geöffneter Leibeshöhle zeigt. Gleichzeitig dient dieser Holzschnitt zur Angabe der Stellen am Körper, an denen zur Ader gelassen werden kann und soll. Mit dem Aderlass beschäftigen sich dann die anschließenden Kapitel 13 bis 16. Der zweite Traktat wird von einem ganzseitigen Holzschnitt eingeleitet; dieser zeigt einen nackten Mann, der an den unterschiedlichsten Körperteilen von verschiedenen Waffen durchbohrt ist. Die Verse über dem Holzschnitt drücken die Hoffnung aus, dass ihm der Chirurg trotz der vielen „straych und stich" helfen kann. Der zweite Traktat beschreibt die Arbeit des Chirurgen: mit Schädelverletzungen beginnend arbeitet sich der Autor durch den gesamten menschlichen Körper durch. Eindrucksvolle Illustrationen schildern dem Benutzer des Werkes z.B. wie man Knochen einrichtet und schient oder wie und mit welchem Instrument man eine eingedrückte Schädeldecke wieder „auffschraufft". Eingestreut in diese Erläuterungen sind Rezepte für passende Salben, Wundpflaster, Balsame u. ä. mehr. Das achte Kapitel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten Blutungen zu stillen, eine in Zeiten, in denen man noch ohne Bluttransfusionen auskommen musste, ganz wichtige ärztliche Kunst. Die angeführten Mittel lassen mich wieder einmal dankbar dafür sein, dass ich im 20. Jahrhundert zur Welt kam: Oder hätten Sie gern als Wundverschluss schwarzes Pech oder eine Schmiere, die aus gebranntem Kalk, Alaun und schwarzem Pech zubereitet wird? Wohl kaum. Vor besondere Herausforderungen waren die die Heere begleitenden Chirurgen – die Feldscherer – gestellt. Sie mussten Wunden versorgen, die durch Geschosse unterschiedlicher Größe verursacht waren. Oft mussten sie auch im Feld Amputationen durchführen, wenn die Gliedmaßen zu sehr zerfetzt waren. Auch dazu gibt Hans von Gersdorff Anleitungen. Ich erspare Ihnen die Einzelheiten. Nach diesen Gänsehaut verursachenden Kapiteln finden sich Anweisungen zur Zubereitung von Sedativen, also schmerzstillenden Arzneien. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass z.B. die angeführten diversen Schmalzarten auch wirklich helfen können. Immerhin kannte man auch bereits Opium, gewonnen aus Mohnkapseln.

Abb. 2: Gersdorffs
Der dritte Traktat beschäftigt sich mit der Lepra, dem Aussatz. Nach einem Kapitel, das sich u.a. mit den Ursachen und den verschiedenen Ausprägungen der Krankheit beschäftigt, werden ausführlich die Zeichen der Lepra beschrieben. Ein Holzschnitt, der dem Traktat eingefügt ist, zeigt eine solche Leprabeschau, die über Leben oder „sozialem" Tod des Patienten entschied. Denn wurde Lepra diagnostiziert, bedeutete das für den Betroffenen den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Nach einer Totenfeier für den „lebendig Toten" wurde er aus der Stadt, der Gemeinde hinausgeführt zu dem Leprosen/Siechenhaus, wo er bis zu seinem Tod leben musste. Man nimmt heute an, dass viele dieser Leprosen in Wirklichkeit nur an einer Hautkrankheit erkrankt waren und ohne Grund das Los der „lebendig Toten" ertragen mussten. Der vierte Traktat umfasst ein lateinisch-deutschen Vokabular der Anatomie. Damit endet das „Feldbuch der Wundartzney".


Wenn Sie neugierig geworden sind, in Hans von Gersdorffs „Feldtbuch der Wundtartzney" können Sie jetzt auch online blättern; das Heidelberger Exemplar der Ausgabe Straßburg 1517 finden Sie unter http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gersdorff1517/0001, das Münchner Exemplar unter urn:nbn:de:bvb:12-bsb00010085-8; auch die spätere Auflage Straßburg 1528 wurde bereits von der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert und online zur Verfügung gestellt: urn:nbn:de:bvb:12-bsb00024302-1.

Der Blog zur Ausstellung „Bader, Medicus, Primar" geht jetzt in die Sommerpause; im August geht’s weiter – ich hoffe, Sie bleiben uns treu!


Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra