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Kulturbezirk 5, 3100 St. Pölten, Niederösterreich, Austria
Seit 2011 gibt es den Museumsblog. Bis 31. Juli 2016 waren es Themen, die im Zusammenhang mit den drei Kernbereichen des Landesmuseum Niederösterreich (Geschichte - Kunst - Natur) standen. Mit 1. August 2016 wird das Landesmuseum zum Museum Niederösterreich und somit ist der Museumsblog unter neuer Adresse zu finden: www.museumnoe.at/de/das-museum/blog

29. Mai 2015

Hinter den Kulissen in der Dominikanerkirche Krems

Außenansicht der Dominikanerkirche Krems
Ab 31/05/2015 ist es auch in Krems wieder soweit und ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH darf die neue Ausstellung RUDOLF POLANSZKY – TRANSLINEARE STRUKTUREN in der Dominikanerkirche in Krems präsentieren.

Da sich so eine Ausstellung allerdings nicht von alleine aufbaut, habe ich einen Abstecher zu Mag. Heidrun-Ulrike Wenzel an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz in der Dominikanerkirche gemacht und ihr ein wenig über die Schultern geschaut. Heidrun ist bei ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH für das Ausstellungsmanagement verantwortlich, sie kümmert sich unter anderem um die Koordination beim Aufbau der Ausstellung. Darunter fallen vor allem:
   -  organisieren des Transports der Objekte vom Künstler bzw. vom Leihgeber zum Ausstellungsort
      (inkludiert auch die Wahl der geeigneten Verpackung damit nichts kaputt geht)
   -  abschließen der Leihverträge mit den Leihgebern
   -  Versicherungen für die Exponate abschließen
   -  planen, wann welche Arbeiten durchgeführt werden und welches Personal dazu nötig ist
      (z. B. Handwerker, Arthandler, Restauratoren, Medientechniker, …)
   -  einhalten des Budgets
   -  aber auch viele kleinere Entscheidungen und Tätigkeiten, die vom Abmessen der Objekte bis hin zum Organisieren der Parkplätze für die jeweilige Transportanlieferung ein breites Feld umfassen.

Heidrun bei der Arbeit in der Dominikanerkirche Krems.

Nach meinem Eintreffen in der Dominikanerkirche drehten wir gleich einmal eine Runde durch die Gemäuer, wo ich die an diesem Tag anwesenden Restauratorinnen Mag. Anna Presetschnik und Mag. Andrea Schrenk-Prandstätter traf. Nach einer kurzen Vorstellrunde wollten wir den Ablauf des Ausstellungsaufbaus „von vorne beginnen“, Heidrun erzählte mir also, was bisher geschah …


PLANUNG



Blick vom Eingang in die (zu diesem Zeitpunkt
noch nicht ganz fertige) Ausstellung.
„Noch bevor wir mit dem Aufbau einer Ausstellung beginnen, stellen wir uns immer erst einmal zu jenem Punkt, wo die Besucher später die Ausstellung betreten.“, erklärt mir Heidrun. Denn diese Perspektive ist das erste, das der Besucher von der Ausstellung zu sehen bekommt, weshalb der Eindruck natürlich positiv sein soll und einen guten Überblick vermitteln soll. Bei dieser ersten Begehung (welche bereits im Oktober des letzten Jahres stattfand!) waren auch die künstlerische Leiterin Dr. Alexandra Schantl und der Künstler Rudolf Polanszky selbst anwesend.


Der Gebäudeplan mit den Anmerkungen,
welche Objekte wo platziert werden.
In der folgenden Zeit von Herbst 2014 bis zum Beginn der Aufbauarbeiten am 20. April 2015 wurden fleißig Objekte ausgesucht, Leihverträge ausgehandelt und erste Pläne ausgearbeitet, welche Objekte wo und wie aufgestellt oder -gehängt werden sollen. Für den gesamten Aufbau sind insgesamt drei Wochen veranschlagt. Mit dem Aufbau wird bereits 6 Wochen vor der Eröffnung begonnen, da für die begleitende Publikation Ausstellungsansichten sowie Objekte fotografiert werden müssen. Damit diese Vorgabe auch eingehalten werden kann, ist gute Planung nötig: „Insgesamt haben wir ein Team von 13 Personen, deren Arbeitszeiten natürlich aufeinander abgestimmt werden müssen. Unsere drei Restauratorinnen können ihre Arbeit z.B. nicht beginnen, solange die Leute vom Aufbau die Objekte nicht aufgestellt haben. Und unsere zwei Medientechniker können keine Lichtinstallationen vornehmen, wenn die Exponate noch nicht in ihrer endgültigen Position stehen.“
In der restlichen Gesamtaufbauzeit wird der Ausstellung der „Feinschliff“ verliehen. Der Ausstellungsbegleiter inklusive Objektbeschriftung und Plan wird produziert, die Lichteinstellungen angepasst und natürlich wird das gesamte Innengebäude gereinigt.



AUFBAU


Eine besondere Herausforderung speziell in der Dominikanerkirche ist, dass die Gemäuer hier in keiner Weise beschädigt werden dürfen, da diese denkmalgeschützt ist. Also keine Nägel, Schrauben oder sonstige Halterungen angebracht werden dürfen. Deshalb wurde z.B. an einer Längsseite der Kirche eine freistehende Wand aufgestellt, an der die Bilder dann angebracht werden können.

Eine der Restauratorinnen bei der Arbeit vor einer freistehenden Wand.

Während der Fertigstellung der Mauer besuchte Heidrun noch Rudolf Polanszky zu Hause, um beim Verladen der Objekte in den ersten LKW dabei zu sein. „Teilweise ist es tatsächlich sehr schwierig, diese Kunstwerke zu transportieren, denn sie sind sehr verschieden und vor allem nicht stapelbar. Ein einzelner LKW ist deshalb sehr schnell voll, weshalb wir gleich vier LKWs benötigten.“ Bereits am Freitag der ersten Woche waren alle 45 Objekte in der Dominikanerkirche und warteten darauf, ausgepackt zu werden. Im Zuge dessen waren auch Dr. Alexandra Schantl und Rudolf Polanszky anwesend und probierten gleich unterschiedliche Standorte für die verschiedenen Objekte aus.
Die Entscheidungen, welche Objekte wo stehen und wie sie beleuchtet werden, treffen meist die künstlerische Leiterin sowie der Künstler. Wenn es im Zuge der Aufbauarbeiten aber einmal schnell gehen muss, sagt auch Heidrun an, wo es lang geht.

Bevor die Bilder jedoch aufgehängt werden und die Objekte an ihren endgültigen Plätzen bleiben können, müssen sie noch die „Prozedur“ der Restauratorinnen über sich ergehen lassen: Jedes Objekt, das in die Ausstellung kommt, muss nämlich vor und nach dem Transport auf mögliche Schäden oder andere Veränderungen überprüft werden. Dazu werden sie gereinigt, fotografiert und Zentimeter für Zentimeter begutachtet. Aufgetretene Veränderungen werden im Zustandsprotokoll mitdokumentiert. Wenn dann die Ausstellung nach ca. einem halben Jahr zu Ende ist, wiederholt sich dieses Verfahren, denn es können auch durch die Besucher Schäden entstehen, die natürlich wieder festgehalten werden müssen. Wie bereits angesprochen, müssen nach dem Protokollieren die Objekte noch an ihre endgültige Position gebracht werden und das Licht wird angepasst.

Die Restauratorinnen beim Absaugen, Fotografieren und Protokollieren. Im Bild rechts ein Objekt mit Protokollzettel.

Gefüllt mit all diesen verschiedenen Aufgaben vergehen diese sechs Wochen wie im Flug und die Ausstellungseröffnung steht bevor.

Infos zur Ausstellung auf der Homepage ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH.


Text: Claudia Hauer
Fotos: © ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH, Claudia Hauer

28. Mai 2015

#15 Wo die Contagion grassierte…

Die von der Obrigkeit angeordneten Maßnahmen bei Ausbruch der Pest oder einer anderen Seuche fruchteten nur dann, wenn es in den Städten und Märkten auch Personen gab, die sich um deren Organisation und Durchführung kümmerten. Gerade in kleineren Gemeinden spielten dabei neben örtlichen Behörden oft auch die Vertreter der Geistlichkeit eine wichtige Rolle.



Gföhler Kirche © Pfarre Gföhl www.pfarre-gfoehl.at
Mit dem Bau der heutigen Pfarrkirche in Gföhl wurde 1715 begonnen.
Im Pestjahr 1680 stand an ihrer Stelle noch ein kleiner romanischer Kirchenbau.
So geschah es auch im Gföhlerwald und im Markt Gföhl, als im September 1679 die Seuche ausbrach. Das erste Opfer war der alte Weiglhofer. Pfarrer Peter Franz Gregori nahm dem Sterbenden persönlich die Beichte ab und reichte ihm die Kommunion. Da er ja in der Pfarrei seine gesunden „Schäfchen“ weiter betreuen musste, schickte er Anfang Oktober einen Priester namens Lorenz in den Gföhlerwald, ferner auf eigenen Kosten noch drei Dienstboten und ein Pferd. Der Priester kümmerte sich um das Seelenheil der Erkrankten, spendete ihnen Trost und die Sakramente. Um ihr körperliches Wohlergehen, soweit dies bei einer solchen Erkrankung überhaupt möglich war, kümmerte sich der Pfarrer. Er schickte Arzneien und Lebensmittel zu den Holzknechten in den Gföhlerwald: „Pestlatwerg, Essich (=Essig), Rouckhen (=Räucherwerk), Pilleele (=Pillen), Pfloster, Kerzen, Brot, Fleisch, und Wein.“
Die Vorsichtsmaßnahmen griffen nicht; nach kurzer Zeit mussten nicht nur der Gföhlerwald, sondern auch die umliegenden Orte unter Quarantäne gestellt werden. In Zeiten der Pest waren medizinisch ausgebildete Personen Mangelware. So betätigte sich Peter Franz Gregori auch als Pestbeschauer. Für die Gesunden, die unter Quarantäne standen, las er bei Sturm und Schnee im Freien die Messe. Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, veranlasste er, dass  Hütten, deren Bewohner alle an der Pest verstorben waren, niedergebrannt wurden.

Pfarrkirche Maria Langegg, © http://maria-langegg.kirche.at/de/html/6/5.html
Die Wallfahrtskirche Maria Langegg nahm ihren Ursprung in einer kleinen Kapelle,
die der Salzburger Pfleger Matthias Häring errichten ließ. 1645 wurden die Serviten
zur Betreuung der Wallfahrt berufen. Nach Errichtung des Klosters wurde 1765 der alte
Kirchenbau mit Ausnahme der Ursprungskapelle abgetragen und durch einen Neubau ersetzt.
Die Pest erlosch auch im beginnenden Frühling nicht. Immer wieder flackerte sie auf. Unerschrocken versorgte der Dechant die Erkrankten weiter mit den Sakramenten. Immerhin  überlebten in dieser Zeit von 15 Erkrankten im Gföhlerwald fünf Personen. In den folgenden Wochen erfasste die Seuche auch den Markt Gföhl: Am 17. April erkrankte der Sohn des Thomas Staudinger. In den folgenden sieben Monaten fielen der Pest an die hundert Personen zum Opfer. Auch in Gföhl versuchte Pfarrer Peter Franz Gregori die notwendigen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung zu organisieren. In einem nahe gelegenen Wald ließ er Hütten errichten, um dort die Infizierten zu isolieren. Allerdings scheiterte dieser wohlgemeinte Versuch an der Halsstarrigkeit der Menschen, die lieber in ihrem eigenen Haus sterben wollten. Immerhin erreichte er, dass die betroffenen Häuser im Markt Gföhl Tag und Nacht bewacht wurden und so eine völlige Trennung zwischen Gesunden und Erkrankten erfolgte. Eine weitere Maßnahme seinerseits war, dass er die Pfarrkirche sperrte und alle kirchlichen Feiern unter freiem Himmel abhielt, umso die Ansteckungsgefahr zu vermindern. Da er selbst permanent mit Erkrankten in Kontakt war, wohnte er nicht mehr länger im Pfarrhof, sondern ließ sich abseits des Marktes eine Hütte errichten, wo er sich während des Wütens der Seuche aufhielt. Hier bewahrte er auch das Altarsakrament auf. Von hier aus besuchte er weiter die Kranken, betreute sie seelsorgerisch und versorgte sie mit Nahrungsmitteln und Arzneien. Er sorgte auch dafür, dass die Verstorbenen ein christliches Begräbnis erhielten und brachte sich dabei oft selbst in Lebensgefahr: Einmal ergriffen ihn die Totengräber und schleppten ihn im Glauben, er sei ein Pestkranker, ins Pesthaus. Der Gföhler Rat und bewaffnete Bürger befreiten ihn aus der misslichen Situation.
Als dieselben Totengräber mit den Landgerichtsdienern eine handgreifliche Auseinandersetzung hatten, bei der sie schwer verletzt wurden, wollte der Bader sie nicht behandeln, aus Angst sich mit Pest anzustecken. Der Pfarrer richtete darauf ein Schreiben an den Rat der Stadt Krems mit der Bitte, einen Leichenbeschauer nach Gföhl zu schicken, der die Wunden der Totengräber versorgen sollte. So überlebten die beiden Raufbolde.

Das frühbarocke Gnadenbild „Maria, Heil der Kranken“
ist die Kopie des römischen Gnadenbildes Santa Maria
del Popolo, das den Hochaltar der gleichnamigen Kirche
in Rom ziert. Lange Zeit wurde der Evangelist Lukas
als dessen Maler angenommen. Deshalb genoss diese
Ikone, die ursprünglich in der Capella Sancta Sanctorum
des Lateran aufbewahrt wurde, besondere Verehrung. 

Weiters appellierte er an die christliche Nächstenliebe seiner Schäfchen und initiierte eine Spendenaktion für die von der Pest betroffenen Familien. Mit dem gesammelten Geld sollten Darlehen vergeben werden, mit denen die Kosten für Totengräber, Arzneien und für die zur Stärkung der Erkrankten verabreichten Nahrungsmittel beglichen werden sollten. Dies erleichterte zumindest für den Anfang die wirtschaftliche Belastung.
Wir wissen nur deshalb so genau über die Aktivitäten des Pfarrers Bescheid, weil die Holzhacker des Gföhlerwaldes und der Rat des Marktes Gföhl in zwei gesiegelten Urkunden aus Dankbarkeit seine Taten festhielten. 

Zum Dank für das Erlöschen der Pest gelobten die Gföhler Bürger in der Folge eine Wallfahrt nach Maria Langegg, dem Wallfahrtort im Dunkelsteinerwald, und zum Bründl bei den Kapuzinern in Und bei Krems.
Im Mirakelbuch von Maria Langegg finden wir die Eintragung: „Nicht weniger hat wegen Abwendung der Pestilentzischen Sucht, eine gesambte löbliche Gemeinde zu Gföhl sich Processionaliter, oder Bittgangweiß, sambt einer grossen Wachs-Kertzen (auf welcher der Heil. Martyrer Sebastianus abgemahlen) nach Langegg verlobet, und dem 28. Junij Anno 1681 selbe, als ein Schuldiges Danck-Opfer mit sich anhero gebracht.“

Votivbild des Marktes Gföhl, erneuert 1832
Neben einem Kerzenopfer stiftete der Markt Gföhl auch ein Votivbild nach Maria Langegg, das 1832 durch ein neues Bild ersetzt wurde. Es ist jetzt noch im Museum der Wallfahrtskirche zu sehen. Die Wallfahrt nach Maria Langegg wurde bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts durchgeführt. 1959 wurde sie wiederbelebt.

Quelle:
Paul Ney, Die Gföhler Wallfahrt nach Maria Langegg und die Pest der Jahre 1679 und 1680, in: Das Waldviertel 44 (1995), S. 140–148.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra


27. Mai 2015

Wildrosen - Prinzessinnen ohne Allüren

Meistens ab Mitte Mai zeigen sich die zarten Blüten unserer heimischen Wildrosen. Passend zum frischgrünen Laub erscheinen die Rosenblüten in sanften Farben von rosa bis weiß.
Ein bisschen Botanik….

© Natur im Garten, Foto: Alexander Haiden

Die häufigsten Wildrosen gehören zur Untergattung der Hundsrosen (Sektion Caninae). Innerhalb dieser gibt es, abhängig von der Blattbehaarung und der Form der Stacheln, drei Gruppen:

•    Filzrosen haben weiche Blätter mit Haaren sowohl auf der Blattober- als auch auf der Blattunterseite. Die Blätter duften beim Zerreiben schwach nach Terpentin oder Harz. Die Stacheln sind gerade oder leicht gekrümmt.

•    Weinrosen haben klebrige Blätter, die bei Berührung oder bei Sonnenschein fruchtig riechen. Ihre Stacheln sind sichelförmig bis hakig.

•    Heckenrosen haben keine duftenden Blätter. Die Blätter können Drüsen und Haare haben, oder auch nicht. Ihre Stacheln sind hakig oder sichelförmig.

Wildrosen im Garten

© Natur im Garten, Foto: Alexander Haiden
Sie machen sich ganz wunderbar in naturnahen Hecken, wo sie unseren Vögeln und Insekten Unterschlupf und Nahrung bieten. Die sogenannten „Hetscherln“, also die Früchte, die ab dem Spätsommer erscheinen, sind reich an Vitamin C. Nicht nur unseren gefiederten Freunden schmecken diese gut und helfen ihnen durch den Winter. Auch für uns Menschen haben sie schmackhaftes zu bieten: Tee aus Hagebuttenschalen oder Hagebuttenmarmelade sind ein Gedicht.
Übrigens ist das Vitamin C in den Hagebutten so gebunden, dass es zu einem großen Teil hitzebeständig und daher in Tee oder Marmelade erhalten bleibt.
Wildrosen im Garten sind relativ pflegeleicht und anspruchslos. Ab und zu etwas in Form bringen und verdörrte Äste entfernen, mehr braucht es nicht.

Infos zu allen Gartenfragen finden Sie beim
„Natur im Garten“ Telefon +43-2742/ 74 333 und auf www.naturimgarten.at

Text: DI Barbara Schrattenholzer



Buchtipp:
Einen Überblick und detaillierte Informationen zu den heimischen Wildrosen gibt der 4. Band der Ökologischen Flora Niederösterreichs, der sich u.a. mit unseren Gehölzen und Sträuchern beschäftigt:
http://www.avbuch-shop.at/flora-noe-band4.html

18. Mai 2015

Interview mit Prof. Dr. Elisabeth Vavra

Prof. Dr. Elisabeth Vavra ist im Landesmuseum Niederösterreich nicht nur wissenschaftliche Leiterin des Bereiches Geschichte, sondern wirkt bei den Ausstellungen mit geschichtlichem Charakter auch immer wieder als Kuratorin mit. Für die derzeit laufenden Präsentationen Bader, Medicus, Primar und Figl von Österreich ist der Großteil ihrer Arbeit getan – für Kriegsschauplatz Niederösterreich (ab November 2015) ist sie aber bereits wieder im Einsatz.

Da man als MuseumsbesucherIn stets nur das Endprodukt einer monatelangen, intensiven Arbeitsphase sieht, wollen wir hier einen Blick hinter die Kulissen und in die Arbeit von Prof. Dr. Elisabeth Vavra werfen.


Was bedeutet es eigentlich, Kuratorin zu sein? Wie würden Sie diese Aufgabe einem Laien beschreiben?

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn diese Arbeit macht jeder anders. Grundsätzlich bekommt man ein Thema und muss sich dazu einiges überlegen: WAS soll enthalten sein? WER sieht es später? WIE soll es umgesetzt werden? Ich selbst mache nicht nur das wissenschaftliche Konzept, sondern möchte auch die Objekte selbst aussuchen. Dabei hat man zu Beginn meist sehr viel Auswahl und muss dann eher wenige aber dafür aussagekräftige Objekte aussuchen. Danach begleite ich auch den Aufbau, also bin bei den Besprechungen mit Architekten, Tischlern, usw. dabei.

Wer entscheidet über das Thema einer Ausstellung?

Das Thema wird mir vorgegeben, entschieden wird aber im Kollektiv. In den letzten Jahren war es immer so, dass man ein Generalthema für das gesamte Landesmuseum gesucht hat und die einzelnen Ausstellungen diesem unterstellt hat. So soll eine gewisse „Vernetzung“ der Ausstellungen entstehen.
Im Landesmuseum sieht man Sie vor allem zu Beginn einer Ausstellung.

Wo ist nun Ihr eigentlicher Arbeitsplatz?

Da ich selbstständig bin, arbeite ich die meiste Zeit zu Hause. Ich führe aber genau Buch darüber, wie viel Zeit ich wofür aufwende. Für eine eher kleine Ausstellung wie Figl von Österreich waren es etwa 65 Arbeitstage, für größere Ausstellungen können es aber leicht einmal 100 Arbeitstage und mehr sein.
 


Ausstellungsansicht: Nachlass von Leopold Figl
Woher beziehen Sie Ihre Unterlagen und die Ausstellungsobjekte? Wo beginnt man mit der Suche nach brauchbarem Material?

Zuerst mache ich immer eine große Literaturrecherche, d.h. ich lese viel – das können schon an die 100 bis 150 Zitate sein. Dadurch sehe ich, wie weit der Stand der Forschung ist und welche Literatur vorhanden ist. Für die Ausstellung Figl von Österreich bin ich danach zum Landesarchiv Niederösterreich gegangen, habe mich dort durch die Ordner des Figl-Nachlasses durchgearbeitet und habe Kontakt mit den Angehörigen von Leopold Figl aufgenommen. Danach wird weiter recherchiert, man telefoniert, bekommt Kontakte und Empfehlungen, an wen man sich wenden kann usw. Für Bader, Medicus, Primar wiederum habe ich nach der Literaturrecherche die Krankenhäuser Niederösterreichs sowie die unterschiedlichsten Museen angeschrieben, ob diese Material haben. Der Rücklauf daraus reicht meist auch gut aus, um eine Ausstellung zu füllen.

Ausschnitt Jahresprogramm

Wann beginnt man mit der Suche? Die Ausstellung Kriegsschauplatz Niederösterreich eröffnet ja erst Ende November 2015, wird aber bereits seit Anfang 2015 angekündigt – es musste dafür also schon einiges an Inhalt feststehen, oder?

Ja natürlich, die Arbeit vor den Ausstellungen beginnt ca. ein Jahr davor mit viel Überlegen, Nachdenken und Recherchieren. Man versucht, ein erstes grobes Konzept zu erstellen, gewisse Punkte herauszustreichen, die man unbedingt ansprechen möchte und so auch den Umfang abzustecken.

Bleiben wir gleich beim Thema Kriegsschauplatz Niederösterreich - Haben sich bereits Herausforderungen aufgetan?

Ja, das ist auf jeden Fall die Auswahl der Themenschwerpunkte und der Objekte. Es steht ja im Prinzip nur ein Raum zur Verfügung, daher muss sorgfältig ausgewählt werden. Aber auch die Gestaltung des Ganges vor dem Raum ist schwierig – immerhin soll er auch zu den Themen im Haus
passen und einen gewissen „Übergang“ schaffen.

Brief aus dem KZ Dachau, 1942

Themenwechsel: zur Ausstellung Figl: Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten berührt?

Bisher hatte ich stets viel mit Themen zu tun, die in der Geschichte schon sehr weit zurückliegen. Bei Figl von Österreich habe ich gemerkt, je weniger Zeit zwischen dem Thema und dem Jetzt vergangen ist, desto mehr berührt es mich. Somit haben mich z. B. die Briefe aus dem KZ Dachau oder aus der Todeszelle schon sehr berührt.
 

Was bedeutet die Aufgabe, Kuratorin zu sein, für Sie persönlich?

Grundsätzlich bin ich sehr dankbar, dass ich das Glück hatte, in diese Rolle „hineingerutscht“ zu sein. Denn KuratorIn zu werden ergibt sich eher durch Zufall, als durch bewusstes Anstreben. Und Ausstellungen zu machen – das erfüllt mich einfach.

Wann ist eine Ausstellung für Sie gelungen?

Also erstens muss ich die Ausstellung für mich selbst als fertig ansehen und auch zufrieden damit sein. Zweitens sollen auch die verantwortlichen Personen im Museum zufrieden sein, da frage ich auch immer gerne die Aufsichtspersonen zu ihrer Meinung. Was mir natürlich ebenfalls wichtig ist, sind die Rückmeldungen der BesucherInnen.


Welche Eigenschaften braucht man als KuratorIn?

In diesem Punkt kann ich nur für mich sprechen – und ich würde sagen, dass ich viel Organisationstalent besitze und es gut schaffe, alles unter einen Hut zu bringen. Außerdem braucht man Verhandlungsgeschick, um die Leihgeber zu überzeugen und zufrieden zu stellen, viel Fleiß, weil man meist mehr Aufwand betreibt, als nötig ist – das ist allerdings auch ein bisschen meinem Perfektionismus zuzuschreiben – und eine große Portion Neugier.
 
Kopftuch der Josefa Figl
in der Ausstellung

Zum Abschluss möchte ich noch wissen, ob Sie in der derzeitigen Figl-Ausstellung auch ein Lieblingsobjekt oder einen Lieblingsteil haben?

Das sind einerseits die Briefe, Korrespondenzen und Gästebucheinträge, weil sie vor noch gar nicht so langer Zeit verfasst worden sind und mich deshalb einfach berühren, andererseits mag ich das schwarze Kopftuch von Leopolds Mutter Josefa ganz besonders.

 
 
 
Nähere Informationen zu den angesprochenen Ausstellungen finden Sie
auf unserer Webseite.

Text: Claudia Hauer
Bilder: © Landesmuseum Niederösterreich, Fotos: Gerald Lechner, Claudia Hauer

8. Mai 2015

# 14 „Wann die Pest sich erzaigt, was zu thun …“

In der vergangenen Woche habe ich Ihnen erzählt, wie die Behörden ab dem 17. Jahrhundert versuchten, das Einschleppen der Pest und anderer Seuchen zu verhindern.
Was aber war zu tun, wenn trotz aller Maßnahmen die Seuche dennoch ausgebrochen war?
Damit beschäftigt sich der zweite Teil der von Kaiser Ferdinand III. am 15. Dezember 1653 erlassenen „Neuen Infectionsordnung“. In dreizehn Paragraphen werden die wichtigsten Problemfelder beim Auftreten einer Epidemie behandelt. An vorderster Stelle stand die Sorge um das Seelenheil der erkrankten Personen. Die Geistlichen wurden aufgefordert, die Kranken mit den Sakramenten als Trost und Hilfe zu versorgen. Weigerte sich ein Pfarrer oder Priester, so wurden ihm die pfarrlichen Einkommen entzogen. Verfügte die betroffene Pfarre über mehrere Geistliche, so sollte einer für die Betreuung der Erkrankten abgestellt werden, um die Ansteckungsgefahr für die noch Gesunden zu minimieren.


Im nächsten Punkt wurde die Obrigkeit aufgefordert, sich um erfahrene Doktoren zu bemühen; reichten die finanziellen Mittel der Gemeinde nicht, so sollte sie wenigstens Wundärzte, Bader und Beschauer anstellen, die sich um die Erkrankten zu kümmern hatten. Die dabei anfallenden Kosten hatten die Erkrankten zu tragen; im Todesfall wurden die offenen Rechnungen aus der Verlassenschaft abgedeckt. 

Sobald in einem Haus ein Krankheitsfall aufgetreten war, musste das Haus sofort versperrt werden und durfte erst nach 40 Tagen wieder geöffnet werden. Bei Bauernhöfen war das natürlich nicht leicht möglich, da ja das Vieh zu versorgen war. Hier wurden nur die betroffenen Räume verschlossen. Die Verstorbenen wurden von eigens dafür bestimmten Personen sogleich in einem abgesonderten Bereich des Friedhofs bestattet. Der Leichnam, der nur in ein Tuch gewickelt werden durfte, musste mit frischem Kalkwasser übergossen werden; die Grube sollte tief genug sein und sollte gleich zugeschüttet werden.

Das Pestlazarett in Wien – Alsergrund
Votivbild, um 1680 Wien, St. Michael
(© Peter Böttcher)

Kranke sollten, falls möglich, in ein Lazarett gebracht werden. Oft wurden Siechenhäuser zu Pestzeiten in solche Lazarette umgewandelt. Für die noch Gesunden, die in Kontakt mit Erkrankten geraten waren, wurden ebenfalls für 40 Tage aus der Gemeinschaft abgesondert. Für sie schlug man einfache Hütten am Rande der Ansiedlungen auf. Falls die Kranken bzw. die noch nicht Infizierten ihre Häuser nicht verlassen wollten, so wurden sie für 40 Tage in diesen eingeschlossen. Lebensmittel und Arzneien wurden ihnen durch Öffnungen gereicht,  ebenso die Sakramente: Es gab zu Pestzeiten eigene Löffel mit bis zu 40 cm langem Stiel – die sog. Pestlöffel, mit denen die Priester den Eingeschlossenen die Kommunion reichten.
Bevor die verseuchten Häuser nach dem Ende der 40tägigen Quarantäne wieder bezogen werden durften, wurden diese gründlich gesäubert und ausgeräuchert. Alle Gegenstände, mit denen die Infizierten in Kontakt gekommen waren, vor allem Kleider, Pelzwerk, Bett, Leinwand, Stroh, „Fetzwerk“ „und andere gefährliche Fahrnissen, so daß Pestgift leichtlich fangen“ sollten verbrannt werden. Bei schwerer Strafe war es verboten, solche Gegenstände aus Verlassenschaften zu verkaufen.

Die Quarantänevorschriften stellten für die Betroffenen eine schwere Einschränkung dar und führten diese oft an den Rand des finanziellen Ruins; daher war es nur verständlich, dass man beim Auftreten von verdächtigen Symptomen nicht gleich zum Arzt ging. Solches Verhalten gefährdete aber die Gesunden und führten zu einem raschen Ausbreiten der Seuche. Die Infektionsordnung ermahnt daher im vierten Paragraphen dazu, beim geringsten Anzeichen einer Erkrankung – Hitze- oder Kältegefühl, Kopfschmerzen und ähnliche Symptome – sofort den Arzt oder zumindest den Bader zu konsultieren.

Die Landschaftsapotheker in den Vierteln – in Krems, Mistelbach und Wiener Neustadt – wurden angehalten, sich genug Vorräte an notwendigen Arzneimitteln anzulegen. Denn zu Seuchenzeiten sollten man zur Vorbeugung nicht nur auf eine gesunde Ernährung achten, sondern auch vorsorglich die Häuser zweimal täglich ausräuchern – mit Wacholder, Staudenwerk, Schießpulver, Schwefel oder anderen „Pestrauch“. Boden und Wände sollten mit Essig besprengt werden; in den Räumen sollte man frischen Kalk löschen oder einen Ziegel erhitzen und darauf Essig gießen. Dringend gewarnt wurde vor dem Genuss von Branntwein, Schweinefleisch sowie unreifen und wurmstichigen Obst.
Die Obrigkeit wurde aufgefordert, im Seuchenfall alle Zusammenkünfte zu verbieten. Das betraf nicht nur Weinkeller, Wirtshäuser und ähnliche Etablissements, sondern auch Kirchweihfeste, Jahrmärkte oder Märkte. Öffentliche Tänze wurden untersagt ebenso das Auftreten von Spielleuten. Hochzeiten, Kindlmahl und andere familiäre Feiern durften nur im kleinen Rahmen stattfinden. Schulen und Bäder mussten gesperrt werden. Die Kirchen sollten vor und nach der Meßfeier ausgeräuchert werden.

Rauchwerk © thinkstock, velveteye

Ein Verstoß gegen die 40tägige Sperre der Häuser wurde mit schweren Strafen geahndet: Diese reichten von Schandstrafen bis zu Leibesstrafen und Verweisung aus Stadt, Markt oder Herrschaft. Waren die 40 Tage abgelaufen, so mussten die Häuser zunächst ausgeräuchert werden; zur Vorsicht sollte man beim Betreten ein brennendes Licht vor sich hertragen. In jedem Zimmer sollte man aus Wacholder, Stauden, Schießpulver, klein geschnittenem Bockshorn, Meisterwurz, Lorbeer, Salpeter, Schwefel, Bernstein und anderen in Apotheken angebotenen Rauchwerk ein Feuer machen, dann das Zimmer für eine Viertelstunde  verschließen und so den Rauch einwirken lassen. Die Böden, die Einrichtungsgegenstände und aller Hausrat mussten mit einer scharfen Lauge, in der vorher Pestwurz und Kräuter  aufgekocht worden waren, geschrubbt werden. Die Wände mussten vom Verputz befreit und mit frisch gelöschtem Kalk gestrichen werden. In den Truhen aufbewahrte Leinwand musste man 24 Stunden lang in scharfer Lauge einweichen, dann auswaschen und an frischer Luft trocknen. Ähnlich musste man mit den Federbetten verfahren. Die Federn mussten aus den Decken genommen, in Lauge eingeweicht und dann getrocknet werden. Schwieriger war die Reinigung von Stoffen, die man nicht in Lauge waschen durfte, wie Leder oder Seidenstoffe. Hier empfahl die Ordnung das Anfeuchten mit Wasser, das mit Lauge, Salz oder Essig versetzt war, dann das Trocknen an frischer Luft und das Ausräuchern.
Alle Gegenstände, mit denen die Erkrankten in direkten Kontakt gekommen waren, mussten – unabhängig von ihrem Wert – verbrannt werden. Auch hier drohten bei Übertretung wieder schwere Strafen. Ausgenommen davon waren nur Objekte aus Eisen, Zinn, Messing oder anderem Metall sowie Holzwerk. Die durften nach einer gründlichen Reinigung zum Verkauf angeboten werden.
Für die Einhaltung der Infektionsordnung hatten in den Städten und Märkten die Magistrate, auf dem Land die Dorfobrigkeit zu sorgen. Die Grundherren durften sich in die von der Dorfobrigkeit erlassenen Maßnahmen nicht einmischen, sondern mussten auch den notwendigen finanziellen Beitrag dazu leisten.

Quelle: Der Römischen Kayserlichen auch zu Hungarn und Böhaimb etc. königlich Mayestätt, Ferdinandi Deß Dritten etc. Ertzhertzogens zu Oesterreich, Unsers Allergnädigsten Herrn, newe Infections-Ordnung, wie es ins gemein auff dem Landt in den Infections-Sachen zuhalten. Wienn 1654.

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

4. Mai 2015

Egon Schiele Museum

Was macht das Spielzeug in der Winterpause?

Die Spielzeugvitrine im Egon Schiele Museum Tulln
Das Schiele-Museum Tulln präsentiert neben den Ölbildern und Grafiken von Egon Schiele immer auch historische Spielzeuge, die den Bezug zu seiner Kindheit, dem Aufwachsen in einem Bahnhofsgebäude und seiner Faszination für Technik herstellen. Zusätzlich bieten diese „bespielten“ Spielsachen die Möglichkeit, sich in die Zeit der Jahrhundertwende hinein zu versetzen.
Da das Schielemuseum in der Wintersaison (November bis März) schließt, wurde neben den
Werken auch das Spielzeug Ende Oktober 2014 abgebaut, konservatorisch betreut und fachgerecht gelagert. Wie das funktioniert, wird hier beschrieben.

1) ABHOLUNG UND TRANSPORT

Im Zuge des Abbaus werden sämtliche Objekte protokolliert, d.h. ihr gegenwärtiger Zustand wird kontrolliert und beurteilt, um etwaige Veränderungen durch den Transport und die Präsentation festzuhalten.

Ein zeichnender Clown aus Eisenblech
auf einem Säckchen aus Tyvek, einem Vlies
aus Polyethylen, der keine Reibung verursacht
Das Spielzeug wird mit Seidenpapier und Luftpolsterfolie verpackt und in ausgepolsterten Kisten rutschsicher verstaut. Unterstützend werden für Werke mit beweglichen Teilen Säckchen – gefüllt mit Styropor –benutzt, da sie Halt geben, flexibel sind und Erschütterungen auffangen.
Im Depot werden die Spielzeuge wieder nach und nach ausgepackt. Ihr Zustand wird erneut kontrolliert, um feststellen zu können, ob es an den Objekten Veränderungen durch die Präsentation oder den Transport gegeben hat.





2) ZUSTANDSERFASSUNG UND KONSERVATORISCHE BETREUUNG

Allgemein ist zu sagen, dass die ausgewählten Spielzeuge aus den unterschiedlichsten Materialien bestehen. Neben Textilobjekten (Teddybären, Puppen) finden sich auch technische Spielzeuge aus Metallblech (Eisenbahnen, Autos, Busse und Kutschen) oder Spielzeug aus Papier und Holz (Gesellschaftsspiele, Konstruktionsspiele, Bausteine). Besonderheiten sind optisches Spielzeug wie Guckkästen.


Lackiertes Metallspielzeug hat meist folgende Schäden:
   -  Korrosionserscheinungen (oft hervorgerufen durch Fingerabdrücke)
   -  Fehlstellen im Lack, lose aufliegender Lack,
   -  Verformungen mechanischer Teile (Achsen etc.),
   -  Schmutz- und Staubauflagen, die sich mit der Zeit mit der Lackoberfläche verbinden, somit
      nicht mehr vollständig entfernbar sind und Nährboden für Mikroorganismen bilden
   -  verfärbter, ausgeblichener Lack

Abb. links: Korrosion an einem ehemaligen Fingerabdruck - Abb. Mitte: Fehlstellen innerhalb der Lackschicht und Verfärbung des Lackes aufgrund von Lichteinwirkung - Abb. rechts: Enzymatische Reinigung der Lackoberfläche

Je nach Schaden müssen die Objekte nun konservatorisch behandelt werden:
   -  Trockenreinigung
   -  Reinigung mit speziellen Lösemitteln
   -  Festigung der Lacke
   -  Reduzierung der Korrosionen


Spielzeuge mit textilen Elementen (Puppen und Teddybären) sind aufgrund ihrer empfindlichen Materialien besonders stark gealtert und haben folgende Schäden:
   -  Abrieb, Deformierungen, Knicke, Brüche der Textilflächen und Dekorelemente
   -  Teilweise Verformung oder Ausfransung von Schmuckborten, Maschen oder Bändern
   -  ausgebleichte Stoffe

Abb. links: Gesamtansicht einer Marotte aus Porzellan, Holz und div. Textilien - Abb. Mitte: Die verformte Rückseite des Puppenhutes im Detail - Abb. rechts: Entfernung von Fasern und Partikeln von der Stoffoberfläche mit Hilfe einer Pinzette

Neben der Trockenreinigung mit Pinsel, Pinzette und Staubsauger steht hier die optimale Lagerung im Vordergrund.


Gesellschaftsspiel mit deutlichen Gebrauchsspuren
Spielzeug aus Papier und Holz zeigt vor allem Abnutzungs- und Gebrauchsspuren:
   -  Abrieb, Risse, Fehlstellen, aufstehende
      Bereiche, lose Teile (an Ecken, Kanten und
      Gelenken)
   -  Flecken, Verfärbungen und Staub-
      ablagerungen
   -  durch Licht ausgebleichte Stoffe



Mit Japanpapier gesicherter Bereich während der Bearbeitung
Im Vordergrund steht auch hier die trockene Reinigung mit Pinsel, Staubsauger und speziellen Reinigungsschwämmen. Sich lösende Papierteile werden mit Weizenstärkekleister wieder verklebt, wenn Teile fehlen und das Objekt dadurch gefährdet ist, werden diese Stellen mit Japanpapier gesichert.





Optisches Spielzeug (siehe Abbildung im nächsten Absatz) ist vor allem durch Staubablagerungen, Licht und schlechtes Raumklima gefährdet.


3) LAGERUNG UND AUSSTELLUNG

Entsprechend der Ergebnisse der Schadenserfassung werden einige der Spielzeuge für den Wiederaufbau der Ausstellung im März 2015 ausgetauscht. Die alten Ausstellungsobjekte werden im Spielzeugdepot des Kulturdepots St. Pölten eingelagert. Auf Grund der Materialvielfalt ist dieses sogenannte „Mischdepot“ klimatisch auf eine relative Luftfeuchtigkeit von 45 - 50 % reguliert, so dass Materialien weder durch zu trockene Luft spröde werden können (Textilien, Papiere) noch durch zu feuchte Luft Korrosion gefördert werden würde (Metalle). Als weitere Präventionsmaßnahme wird besonderes Augenmerk auf die eingesetzten Lagermaterialien gelegt.



Optisches Spielzeug (Diagucker)
Die neu ausgewählten Objekte für die Ausstellung werden vor dem Transport zum Museum ebenfalls
protokolliert und bei Bedarf wie oben beschrieben bearbeitet. Gegebenenfalls werden die Spielzeuge für die Ausstellung so angepasst, dass sie besser geschützt sind. Beim optischen Spielzeug wird z.B. der Negativstreifen mit einem Spezialkarton abgedeckt, da ein Betrachten des Bildes in dieser Form nicht möglich ist. Nach dem Transport zum Schiele-Museum wird erneut protokolliert.


Auch im Schiele-Museum wird auf die Umgebungsbedingungen geachtet. Die Objekte werden mit Spots so ausgeleuchtet, dass sie möglichst wenig Licht ausgesetzt werden und Lichtschäden weder entstehen noch verschlimmert werden. Die Ausstellungsräume sind auf eine relative Luftfeuchtigkeit von ca. 50% eingestellt und werden regelmäßig überprüft. In der Ausstellungsarchitektur verwendetes Holz oder Textilien können z.B. Schädlinge wie Motten anziehen. Dies gilt es während der Ausstellung sowie beim Abbau genauestens zu beobachten und zu überprüfen.


Text: Dipl.-Rest. (Univ.) Franziska Butze-Rios und Mag. Art. Eleonora Weixelbaumer
Bilder: © Land Niederösterreich, Landessammlungen Niederösterreich 
Foto: Mag. Art. Eleonora Weixelbaumer, Dieter Peschl


Das Team der Konservierung & Restaurierung
(Kunstsammlung der Landessammlungen Niederösterreich):
Dipl.-Rest. (Univ.) Franziska Butze-Rios, Restauratorin für Kunst auf Papier, Fotografie und Digitale Medien
Dipl.-Rest. (Univ.) Christina Schaaf-Fundneider, Restauratorin für Gemälde und Präventive Konservierung
Mag. Christa Scheiblauer, Restauratorin für Gemälde und Präventive Konservierung (derzeit in Karenz)
Martin Sellner, Art Handling und Facility Management
Huberta Trois, Restauratorin für Historische Rahmen und Art Handling
Mag. Eleonora Weixelbaumer, Restauratorin für dreidimensionale Objekte

30. April 2015

#13 „Wie die Pest in dem Landt zu verhütten.“

Pestsäule mit Bild der Dreifaltigkeit, 1713 
Waitzendorf (Gemeinde Schrattenthal),
Foto: © Elisabeth Vavra
An vielen Orten in Niederösterreich erinnern noch heute steinerne Denkmäler und Votivbilder in Wallfahrtskirchen an die Schrecken der Pestepidemien. In der frühen Neuzeit war der niederösterreichische Raum von zwei schweren Pestepidemien betroffen: die erste verbreitete sich in den Jahren 1679 bis 1681; die zweite setzte um 1708 im Norden Europas ein und breitete sich dann über Böhmen und Mähren bis nach Österreich und Ungarn aus. Die letzten Krankheitsfälle  traten um 1714 auf. Insgesamt fielen diesem Seuchenzug in Europa mehr als eine Million Menschen zum Opfer.  In Niederösterreich tobte die Epidemie besonders in den Jahren 1712/13.
So schrecklich sich diese beiden großen Epidemien auch auf die Bevölkerung auswirkten, so zeigen die Quellen doch, dass sich wenigstens die behördlichen Maßnahmen im Vergleich zum Mittelalter deutlich verbessert hatten. Die Medizin allerdings stand der Seuche weiterhin hilflos gegenüber.



Inschrifttafel der Pestsäule, 1713
Waitzendorf (Gemeinde Schrattenthal),
Foto: Elisabeth Vavra

Langjährige Beobachtungen der seit dem 14. Jahrhundert immer wieder auftretenden Pestepidemien hatten zur Entwicklung eines „Abwehrsystems“ geführt, das die Ausbreitung der Seuche zwar nicht verhindern,  aber eindämmen konnte. 1540 erschien die erste „Infektionsordnung“, die das Verhalten bei Gefahr oder Ausbruch der Krankheit regulierte. Für die Epidemien der Jahre 1679 bis 1681 waren die am 15. Dezember 1653 von Kaiser Ferdinand III. und 1679 von Kaiser Leopold I. erlassenen Ordnungen maßgeblich.



Infektionsordnung Kaiser Ferdinands III.
Auflage Wien 1656, Stift Altenburg, Archiv
Foto: Elisabeth Vavra


Was enthalten nun diese Ordnungen?
Die Ordnung von 1653, die 1654 in Druck erschien, beschäftigt sich im ersten Teil mit den Möglichkeiten, den Ausbruch der Pest oder anderer ansteckender Krankheiten zu verhindern und  im zweiten Teil mit den zu treffenden Maßnahmen, wenn eine Seuche bereits ausgebrochen war. Die „abscheuliche Seuch der Pestilenz gleich wie andere Plagen“ wurden, wie die Einleitung der Seuchenordnung betont,  als Strafe Gottes für die Sünden und Laster der Menschen angesehen, deshalb sollte die Geistlichkeit in ihren Predigten die Menschen zu  gottgefälliger Lebensführung und Bußfertigkeit anhalten. Bei den Gottesdiensten sollten eigene Gebete zur Abwendung der Pest gesprochen werden. Die Hausväter wurden ermahnt, in ihren Häusern auf Zucht und Ordnung zu achten. An Sonn- und Feiertagen durften die Wirtsleute, die Leutgeb, die Wein-, Bier- und Metkeller erst nach dem Gottesdienst ausschenken; im Sommer mussten sie um neun Uhr, im Winter um acht Uhr schließen.

Maria als Fürbitterin für die Menschheit
Pestsäule in Zistersdorf, 1747
Foto: Elisabeth Vavra


Im nächsten Paragraphen warnt die Ordnung vor übermäßigen Essen und Trinken, vor dem Genuss von Schweinefleisch und wurmstichigem, schädlichen Obst, da durch solche Verhaltensweisen der Körper geschwächt und anfällig für Krankheiten wird.

Eine wichtige Maßnahme setzte die Behörde durch die strenge Kontrolle einreisender Personen.  Jeder/jede musste nachweisen, dass er/sie sich die letzten vierzig Tage in einem seuchenfreien Gebiet aufgehalten hatte. Wenn Seuchenfälle bekannt wurden, dann sollte man die Namen der betroffenen Orte und Gegenden öffentlich bei den Stadt- und Markttoren oder Grenzschranken anschlagen. Wenn jemand aus einer betroffenen Region einreisen wollte, so musste er/sie sich für vierzig Tage in einer Quarantänestation aufhalten. Die Orte, in denen die Pest ausgebrochen war, mussten auch der NÖ Regierung übermittelt werden. Händler, die ihre Waren in die Städte und Märkte bringen wollten, mussten sich ebenfalls mit „Unbedenklichkeitszeugnissen“ ausweisen. Ebenfalls mussten sie eine Unbedenklichkeitserklärung für ihre Ware abgeben.
Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die sog. Militärgrenze, die zur Abwehr der Türkengefahr errichtet wurde. Unter Kaiser Ferdinand I. in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts begonnen, erstreckte sie sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts von der Adria bis zur Drau. Der schmale Sicherheitsstreifen wurde bis 1742 weiter ausgebaut. Zur Zeit der größten Ausdehnung erstreckte sich die Militärgrenze über eine Länge von 1750 km und umfasste mehr als 33.000 km2. In regelmäßigen Abständen befanden sich Quarantänestationen für Einreisende.

Der Pestheilige Sebastian
Pestsäule in Zistersdorf, 1747
Foto: Elisabeth Vavra
Gewarnt wird in der Infektionsordnung auch vor „gefährlichen Mobilien“, durch die die Seuche verbreitet wurde. Gemeint sind damit Möbel, Betten, Leinwand, Kleider, Pelzwerk und ähnliches, das in Verdacht stand, das Pestgift leicht aufnehmen zu können. Tauchte verdächtige Ware auf, durfte sie solange nicht verkauft werden, bis ihre Unbedenklichkeit  nachgewiesen war.

In der Ordnung wurden bestimmte Orte als Aufenthaltsorte für die Quarantäne festgelegt: Guntramsdorf oder Wienerherberg für das Viertel unter dem Wienerwald, Tulln oder Königstetten für das Viertel ober dem Wienerwald, Retz oder Korneuburg für das Viertel unter dem Manhartsberg sowie Waidhofen an der Thaya für das Viertel ober dem Manhartsberg.

Besonders ausführlich wird im achten Punkt auf Sauberkeit als wirksames Mittel zur Verhütung der Ansteckung und Erhaltung der Gesundheit hingewiesen: „ sich auch niemandt unterstehen, sonderlich in Stätt, und Märckten, wo gepflasterte oder sonsten Haubt-Gassen oder Strassen seyn, die Unsauberkeyten, sie seyen nun von Blut, Eingewaid, Bainern von getödten Viech, Scherben, Krautpletschen oder ander Unfladt, wodurch Gestanck und Gefahr entstehen und erwachsen kann, auff die Gassen auszuschütten, weniger todtes Viech als Hund, Katzwn, Hüener oder anders dahin zu werffen,“ Über Dienstboten, die gegen diese Gebote verstießen, wurde eine Schandstrafen verhängt.
Die Obrigkeit wurde angehalten, Kreuze aufzurichten, an die die straffälligen Dienstboten „gespannt“ wurden. Die Dienstgeber, die ihre Aufsichtspflicht verletzt hatten, wurden überdies zu Geldstrafen verurteilt, die an die Siechenhäuser abzuführen waren.

Es geht in der Ordnung aber nicht nur um Sauberkeit in den Gassen, sondern auch in den Häusern. Die Abfälle sollten in den Häusern gesammelt werden und dann mit Butten oder Schubkarren an einen von der örtlichen Behörde genehmigten Platz gebracht werden, der möglichst abgelegen sein musste. Die Rauchfangbeschauer, die ihre jährlichen Rundgänge durch die Häuser machen mussten, oder andere von der Behörde damit Beauftragte sollten in Zukunft auch auf die Sauberkeit in den Häusern achten und Auffälligkeiten zur Anzeige bringen: „So sollen auch nit allein die Zimmer selbsten, sondern auch die Fürheuser, Stiegen, Boden, Kuchel, Stallungen und Haimbligkeiten [=Abort] sauber gehalten, zum öfftern gewaschen, und außgekehrt werden […].“

Der Pestheilige Rochus
Pestsäule in Zistersdorf, 1747
Foto: Elisabeth Vavra

Der letzte Paragraph des ersten Abschnittes widmet sich dem „Bettelgesind“ und den von ihnen ausgehenden Gefahren. Um die „würdigen“ von den „unwürdigen“ Bettlern zu trennen, die fremden umherschweifenden von den ortsansässigen Armen, wurden Bettelzeichen oder -zettel vorgeschrieben: „Sollen denen würdigen gewisse Zaichen und Zettl, darinnen sie mit Namen, Alter und Gestalt beschriben, außgethailt, und daß sie in ihren Dörffern und Pfarren verbleiben, angehalten.“ Wenn ausgewiesene „unwürdige“ Bettler wieder in einer Gemeinde aufgegriffen wurden, so sollten sie „an das Kreutz, oder Pranger gestellt, mit Gefängnuß belegt, oder auch in Eysen geschlagen, und zur Arbeit angehalten“ werden.

Mit diesen Maßnahmen versuchten die Behörden die Einschleppung der Pest oder anderer Seuchen zu verhindern. Welche Anordnungen in Kraft traten, wenn die Seuche einmal ausgebrochen war, darüber erfahren Sie mehr in der kommenden Woche. 

Text: Prof. Dr. Elisabeth Vavra

Quelle: Der Römischen Kayserlichen auch zu Hungarn und Böhaimb etc. königlich Mayestätt, Ferdinandi Deß Dritten etc. Ertzhertzogens zu Oesterreich, Unsers Allergnädigsten Herrn, newe Infections-Ordnung, wie es ins gemein auff dem Landt in den Infections-Sachen zuhalten. Wienn 1654.

28. April 2015

Löwenzahn - das wilde Wunderkraut


Die scharfen Zähne an den Blättern und das „wilde" gelbe Blütenköpfchen haben dem Löwenzahn zu seinem Namen verholfen. Über 500 Namen hat das „Taraxacum" allein im deutschsprachigen Raum, ist also eine äußerst bekannte und prominente Pflanze.


Löwenzahn-Teppich im Garten des Landesmuseums
Da gibt’s zum Beispiel die Bezeichnungen Ackerzichorie, Bettseicherwurzel, Butterblume, Kettenblume, Kuhblume, Märzenbusch, Milchblume, Pfaffendistel, Pusteblume oder Wiesenlattich für die Pflanze, die ab April unsere Wiesen zu gelben Teppichen macht.

Wie kleine Sonnen strahlen die Löwenzahnköpfchen auf hellen, sonnigen Plätzen. Die Pflanze ist aber auch so anspruchslos, dass sie sogar zwischen Pflastersteinen hervorlugt.

Pingelige Gärtner gehen dem Löwenzahn gern an die Wurzel, weil sich dieser ganz schnell auf frischgemähten Rasen breit macht. Genießer und Heilpflanzen-Kundige haben aber schon längst erkannt, welch Wunderkraut im Löwenzahn steckt.


Löwenzahn wächst sogar im Kies
Unser wichtigstes Heil-Unkraut gilt als Allround-Stärkungsmittel, das schon im Altertum von griechischen und ägyptischen Ärzten geschätzt und als Magenmittel genutzt wurde. Der Löwenzahn regelt die Verdauung, pflegt Leber und Galle, hilft bei Rheuma, lässt Pickel und chronische Hautleiden verschwinden. Die Inhaltsstoffe, vor allem die Bitterstoffe des Frühlingsblühers regen sämtliche Verdauungsorgane an, auch Niere und Blase und haben blutreinigende Kraft und entschlackende und entwässernde Wirkung. Löwenzahn ist also ideal für eine Frühlingskur, wenn wir wie die Natur wieder aufblühen wollen.

Verwendet werden kann das Taraxacum von der Wurzel bis zur Blüte. Der weiße Milchsaft ist nicht giftig (das sind nur die Wolfsmilcharten wie zum Beispiel der Weihnachtsstern), lässt aber Warzen und Hornhaut verschwinden.

Verwechselt werden kann der Löwenzahn etwa mit dem Ferkelkraut oder anderen Arten der Gattung Leontodon. Die Blütenstandstiele dieser Pflanzen sind jedoch nicht hohl.

Besonders wirksam ist der Löwenzahn als Tee, der entweder aus den Blättern oder der Wurzel gebrüht wird: Dafür wird ein Löwenzahnblatt mit einer Tasse heißem Wasser übergossen und kurz ziehen gelassen. Oder zwei bis drei frische Wurzeln werden über Nacht im kalten Wasser eingeweicht, dann aufgekocht und 10 Minuten ziehen gelassen. Löwenzahntee hilft übrigens auch bei Gelenksentzündungen und senkt den Blutzuckerspiegel. Und die Löwenzahnwurzel gilt ähnlich dem Ginseng als Aufbautonikum bei Schwächezuständen.


Wer Löwenzahnwurzeln und Blüten im Frühjahr nicht selbst sammeln und dann trocknen will, der kann Tee und andere Zubereitungen in Apotheken kaufen.


Seit einigen Jahren laufen in Europa auch wieder Versuche, Löwenzahn zur Kautschukgewinnung einzusetzen, als Ersatz für Naturkautschuk, der aus dem südamerikanischen Gummibaum gewonnen wird.

Löwenzahn — das Superfood


Einzelne Löwenzahnblüte  -  im Hintergrund das Landesmuseum  
Das Taraxacum ist nicht nur wirksame und wohlschmeckende Medizin, sondern auch kulinarische Delikatesse. Die Blütenknospen werden als falsche Kapern verwendet, die Blätter geben jeder Salatmischung einen fein-bitteren Geschmack. Löwenzahnsalat hat etwa vierzigmal soviel Vitamin A wie Kopfsalat, neunmal soviel Vitamin C, viermal soviel Vitamin E, achtmal soviel Calcium, viermal soviel Magnesium, dreimal soviel Eisen und die doppelte Proteinmenge – und er schmeckt hervorragend. Die Wurzel kann fein gehobelt wie Radieschen das Butterbrot veredeln und die Blüten sind auch hübsche essbare Deko.

Natürlich macht sich das Universalkraut auch in g’schmackigen Suppen, Spinatmischungen oder Pesti sehr gut.

Und selbst auf dem Frühstückstisch darf Löwenzahn nicht fehlen, als Löwenzahnhonig mit kräftigem Aroma (der Löwenzahn ist auch eine wichtige Bienenweide!) oder als Löwenzahnkaffee: Dafür wird die Wurzel klein gewürfelt und getrocknet, dann vorsichtig in der Pfanne oder dem Backrohr geröstet und in einer Kaffeemühle fein gemahlen. Ein Teelöffel dieses Pulvers wird mit einer Tasse Wasser aufgekocht und kurz ziehen gelassen. Am besten schmeckt dieser Kaffee mit Milch, Zimt und Honig.

Appetitanregend wirkt ein Aperitif aus Löwenzahnblüten: Eine Handvoll Blüten in einen halben Liter trockenen Weißwein legen, eine halbe Stunde ziehen lassen, filtrieren, genießen!

Etwas aufwändiger ist das Brauen von Löwenzahnwein. Das wird zwar kein rescher Grüner Veltliner oder vollmundiger Sankt Laurent, aber ein wertvolles feines Getränk: Ein Kübel frische Löwenzahnblüten werden mit einem Kübel kochendem Wasser übergossen. Diesen Ansatz drei Tage stehen lassen. Dann ca. zwei Kilo Zucker hinzufügen, ein Stückchen Ingwer, die Schale einer Orange und einer Zitrone. Das ganze wird zusammen eine Stunde lang gekocht. Wenn die Mischung etwas abgekühlt ist, kommt etwas Germ dazu. Der Weinansatz wird in ein Mostfass gelehrt, das nach zwei Tagen verschlossen wird. Nach zwei Monaten kann der goldgelbe Löwenzahnwein in Flaschen abgefüllt werden. Er lässt sich einige Jahre lagern.


Quellen:
 
Heilkräuter-Seiten
Kräuterweisheiten
Zentrum der Gesundheit


Text: Beate Steiner
Fotos: © Landesmuseum Niederösterreich, Claudia Hauer

 

22. April 2015

ERINNERUNGEN AN LEOPOLD FIGL (2)


Anlässlich der Ausstellung „Figl von Österreich“, 19. April bis 26. Oktober 2015

verfasst vom Zeit- und Augenzeugen Ivo Fischer


Der passionierte Jäger, Foto: Privatbesitz
Figl  war gewohnt, einen typischen Bauernhut zu tragen, der leicht ins Genick geschoben war.

Das war aber bei den offiziellen Gängen vom Bundeskanzleramt zur Hofburg über den Ballhausplatz, kein geeignetes Kleidungsstück. Daher wurde ich beauftragt, dem Kanzler eine standesgemäße Kopfbedeckung schmackhaft zu machen. Das war ein Homburg-Hut, wie ihn z.B. Raab besaß und ich ihn schon als 15-Jähriger immer gerne getragen hatte. Dieser Hut mit seinem Seidenrand musste zwei Querfinger über der rechten Augenbraue in das Gesicht heruntergezogen werden und innen mit einem weißen Seidenfutter ausgestattet sein. Wenn der Homburg in der linken Hand getragen wurde, dann hatten die dazu passenden Handschuhe an der Hutkrempe getragen, mit den Fingern nach vorne zu sehen und beim Gehen so weit nach vorne geschwungen zu werden, dass bei jedem Schritt das weiße Seidenfutter vor dem linken Oberschenkel aufblitzte. Figl hörte sich meine Erklärungen wortlos an und schluckte trocken, erlaubte mir aber, bei der Fa. Habig am Beginn des 3.Wiener Gemeindebezirks, einen Probiertermin zu vereinbaren. Vor dem großen Geschäft, mit Poidl und mir vorgefahren, wurde der Herr Bundeskanzler vom alten Herrn Habig vor den drei Schaufenstern voller Hüte persönlich begrüßt und im Laden bei der Auswahl eines Homburg eigenhändig bedient. Als endlich eine Größe und eine dunkle Farbe passte, fuhren wir gleich in Figls Haus zurück, wo ich mit ihm das Aufsetzen, das Tragen, Abnehmen und Schwingen  eines Homburg einüben musste. Nach mehrmaligem Hin- und Hergehen in Figls kleinem Vorraum vor der Bauernstube, hatte er genug davon, ließ sich aber dann doch noch zu einigen weiteren Verbesserungen bewegen.
 


Die berühmte Bauernstube, 1952,
Foto: Privatbesitz
In diesem Vorraum stand eine hölzerne Kredenz, in deren linker unterer Ecke vier Gästebücher gestapelt lagen, in welche sich besondere Persönlichkeiten, meistens mit einem Kommentar, eingetragen hatten. Wenn aber eine dieser Persönlichkeiten die zuvor eingetragene nicht mochte, dann wurde dazwischen ein unbeschriebenes Blatt frei gelassen. Einige Male, kurz vor meinem Abschied, um von Poidl zum Bahnhof gefahren zu werden, forderte Figl mich auf, solche leeren Seiten mit einem kleinen Gedicht zu füllen, was ich dann innerhalb weniger Minuten zu machen hatte.

Als ich vor einigen Jahren von Figls Sohn Johannes die Erlaubnis erhielt, meine Gedichte aus den Gästebüchern herauskopieren zu dürfen, waren diese Gästebücher nicht mehr vorhanden. Sie wurden, wie alles, was Figl an persönlichen Dingen gehört hatte, als Erinnerungsstücke von der Familie verkauft. Auch im Figl-Museum in Rust finden sich nur Tausende von Fotografien, jedoch nicht ein einziges persönliches Gebrauchs- oder Kleidungs-Stück des unvergesslichen und unerschrockenen Bundeskanzlers.


Titelseite des zweiten Gästebuchs
Foto: Peter Boettcher
Figls Mutter, eine einfache und liebe Frau, die wir in der damaligen Russischen Zone mit Dienstwagen und Poidl einige Male besuchten, erzählte mir, als ich die gerade frisch renovierte und gut erhaltene Kirche bewunderte, dass die Russen alle, auch die schon vor dem Krieg dafür bereitgestellten, Baumaterialien requiriert und abtransportiert hätten, ihr Sohn Leopold aber nachts ganz einfach mit ein paar Flaschen Wein zum Russischen Bau-Depot gefahren sei und die Zementsäcke für die Kirchenrenovierung wieder an sich genommen und zurückgebracht hätte.
Leopold Figl mit Mutter Josefa, geb. Edhofer
in der Wohnung in der Peter-Jordan-Straße,
Foto: Privatbesitz
Manchmal war ein nachmittäglicher Besuch Figls bei Julius Raab angesagt, was als eine besondere Angelegenheit galt, denn bei “Onkel Julius” war in dessen Haus und Wohnung Vieles anders als in Leopold Figls rustikalem Bauernhaus. Bei Raabs waren gestickte Gardinen und schwere Plüschvorhänge an und um die Fenster drapiert, an den Kastenschlüsseln hingen kleine Quasten und alles war halt auf “ganz fein” eingerichtet. Die Besuchsdauer durfte ich durch Hinweise auf weitere Verpflichtungen des Bundeskanzlers begrenzen.

Als der gepanzerte und daher tief und schwer auf den Straßen liegende und durch laufende Polizeifunk-Standort-Mitteilungen gesicherte Bundeskanzlerwagen, durch den zerbombten Westbahnhof endlich auf den Bahnsteig des Schnellzuges nach Innsbruck gefahren war, standen dort der Stationsvorstand, der Lockführer und der Zugschaffner in einer Linie in “Habt-Acht”-Stellung bereit, um die dann aussteigende hohe Persönlichkeit vor der Zugabfahrt entsprechend ehrerbietig zu begrüßen und für eine entsprechende Sitzmöglichkeit zu sorgen. Als dann nur ich in meinem Gromby-Mantel ausstieg und aus beiden Manteltaschen Weinhälse neben Zigarettenpackungen herauslugten, die mir Figl beim Abschied noch rasch zugesteckt hatte, drehten sich die drei Bahnbediensteten auf ihren Absätzen um und gaben das Abfahrtsignal nach meinem Einstieg.

Bei einem CV-Studentenball im Musikvereinssaal rief Figl aus der Loge-1 rechts oben, zu mir auf dem Parkett tanzend, ganz laut herunter: “Ivo, komm herauf!”. Als ich dort eintraf, waren gerade die Rektoren der Wiener Universitäten bei Figl, um ihre Honneurs zu machen. Mit Weingläsern in den Händen, sagte Figl in diese kleine Runde, dass wir nun auf das Wohl des “Größten” unter uns, den 196 cm langen Medizinstudenten Ivo Fischer, anstoßen und trinken sollen. Das geschah dann auch mit den süß-sauren Mienen der hohen Gäste. Dieses Verhalten war ganz echt für Leopold Figl, der gerne mit Menschen aller Schichten beisammen war.

Text: Medizinalrat Univ.Prof. Dr. IVO FRITHJOF FISCHER
Gerichtlich beeidet und zertifizierter Sachverständiger
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Chefarzt i.R. Gemeinn. Krankenhaus Mehrerau
Fellowship International College of Surgeons

16. April 2015

ERINNERUNGEN AN LEOPOLD FIGL (1)


Anlässlich der Ausstellung „Figl von Österreich“, 19. April bis 26. Oktober 2015

verfasst vom Zeit- und Augenzeugen Ivo Fischer

“Du bleibst bei mir als Privatsekretär!” sagte laut und deutlich der Herr Bundeskanzler, Diplom-Ingenieur Leopold Figl, hinter mir stehend, und hielt meinen linken Arm am weiß beschuhten Handgelenk fest. Im Jahr zuvor, 1949, hatte ich bereits die im CV verbandsweit ausgeschriebene Anstellung erhalten, dem Bundeskanzler und seiner Familie im Urlaub in Matrei/Osttirol, für ein kleines Taschengeld und bei freier Logis, fünf Wochen lang als Sekretär zu dienen. Bei einer der jährlichen Österreichischen Cartell-Versammlungen 1950 in Innsbruck hatte er die Durchsetzung meiner Meinung, als Senior des Innsbrucker-Cartell-Verbandes, in einer Diskussion mit dem Vorortspräsidenten in Wien, Kirchmair, mit angehört, wobei ihm anscheinend meine höflichen, aber festen und sachlich gut fundierten Begründungen gefallen hatten. Es war darum gegangen, wer mit der geschulterten Fahne, den großen Festzug der CV-Verbindungen von der Innsbrucker Hofburg zum Berg-Isel anführen durfte. Sofort antwortete ich dem Bundeskanzler, dass er doch wisse, ich sei Medizinstudent und nicht Jurist und hätte daher keine Zeit für eine weitere, noch so ehrende, Anstellung bei ihm. Figl ließ sich aber keinen Korb geben, denn für ihn war “Nein” keine Antwort, sodass wir uns in kurzer Zeit rasch darauf einigten, dass ich wenigstens in den Semesterferien weiterhin bei ihm sein werde, in Wien sowie in seinem Urlaub mit seiner Familie in Osttirol. Diese Zusage hielt ich dann auch drei Jahre lang bis 1951, als das Ende meines Medizinstudiums nahte.

Ivo Fischer mit Fahne, Foto: Privatbesitz

Beim Abschied am Ende des dritten Jahres verlangte Figl, dass ich ihm  als Ersatz für mich einen anderen Cartellbruder senden solle, der gleich sei wie ich. Als ich lachend erwiderte, ich sei ein Unikat und nicht im Doppelpack zu haben, zwang er sich, auch fröhlich zu sein. Kurz danach empfahl ich ihm als meinen Ersatz den gerade promovierten und sehr verlässlichen Juristen Sauter aus Bregenz, der aber nur ein Jahr lang bei Figl im Bundeskanzleramt arbeitete und nachher in den Diplomatischen Dienst wechselte.

Ich hatte Figl nie daran erinnert, dass ich ihm schon einmal begegnet war, als er 1946 seinen ersten offiziellen Besuch in Vorarlberg absolvierte. Die Mitglieder der in Vorarlberg lebenden Österreichischen-Cartell-Verbands-Korporationen hatten dazu in Bregenz einen Empfang ihres ersten Österreichischen Bundeskanzlers nach dem Kriegsende, im Hotel Weißes Kreuz in Bregenz organisiert, wobei plötzlich das Gerücht aufgebracht wurde, Leopold Figl sei aus seiner Studenten-Verbindung Norica in Wien ausgetreten und daher nicht mehr Mitglied im Österreichischen-Cartell-Verband. Die dadurch entstandene Unsicherheit war groß, aber niemand konnte in der damaligen Besatzungszeit - ohne direkte Telefonverbindungen von Bregenz nach Wien - nachprüfen, ob das stimmte. So wagte ich es, den Bundeskanzler Leopold Figl selbst zu befragen und fuhr am Vorabend mit meinem kleinen Motorrad nach Dornbirn zum Bauernhaus des Landeshauptmannes Ulrich Ilg, wo Figl mit ihm in dessen Bauernstube saß und sich eine gute Bauernjause schmecken ließ. Angemeldet hatte ich mich nicht. Der dort stationierte und den Bundeskanzler bewachende Dorfpolizist fragte mich, was ich bei Figl wolle, und ließ mich dann, am Misthaufen vorbei, ungehindert in die Stube des Landeshauptmannes und Landwirtes Ilg eintreten und meine Frage an Figl persönlich stellen. Figl stand empört auf, bestätigte seine unveränderte CV-Mitgliedschaft und schimpfte auf die Trottelei so mancher Gerüchteköche. Der ehemalige Niederösterreichische Bauernführer und jetzige Bundeskanzler Figl kannte und schätzte den ehemaligen Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium und jetzigen Landeshauptmann Ilg wegen ihrer weitgehend gleichen Ansichten ganz besonders.

  Biertonne der K.a.V. Norica Wien im ÖCV, Foto: Privatbesitz
So fuhr ich also in den Semesterferien wieder zuerst für eine Woche nach Wien zum Übernehmen der laufenden Agenden von Figls ständigem Privat-Sekretär v. Beroldingen und zum Eingewöhnen auf Figls Familien-Betreuung und auf die, auch im Urlaub notwendigen Empfänge von Staatsmännern, Ministern und Bürgermeistern. Dabei konnte ich bei vielen politischen Ereignissen im Parlament, wie auch beim russischen Hochkommissar in der Bellaria, anwesend sein. Im Parlament hatte ich die ÖVP-Mitglieder der verschiedenen Ausschüsse für die Abstimmungen im Plenum rechtzeitig in den Saal zu drängen. Zum Russischen Hochkommissar wurde Figl mehrmals in das ehemalige Hotel Bellaria am Ring zitiert, wobei sein Berufs-Chauffeur Leopold, der aber nur Poidl genannt wurde, und ich als Figls Ferien-Privat-Sekretär, in den 1. Stock zum Hochkommissar, einem General in Uniform, zugelassen waren. Die sechs uns begleitenden Österreichischen Geheimpolizisten mussten in einem Parterreraum warten und hatten vor den an den Wänden rundum aufgehängten Bildern aller russischen Generäle, jeweils ein Wasserglas voll Wodka auszutrinken, sodaß sie nach dem 4.Bild schon nicht mehr stehen konnten. Der Hochkommissar begrüßte, hinter seinem Schreibtisch sitzend, den vor ihm stehenden Bundeskanzler Figl sowie den Fahrer Poidl und mich, und beschimpfte Figl gleich zu Beginn als “Schwein”  das er gleich einsperren wolle und werde. Daraufhin sagte Figl ganz ruhig zu Poidl: “Geh’ schnell hinunter und hol’ an Wein aus’m Auto!” In den wenigen Minuten absoluter Stille mit finsteren Blicken von Mann zu Mann, kam Poidl wieder herauf, mit zwei Flaschen Wein unter dem Arm und 4 Gläsern zwischen den Fingern, entkorkte rasch die Flaschen, füllte die Gläser und kredenzte sie dem General und uns drei anderen. In weiterer Wortlosigkeit wurden je ein Viertel des besten Weins, aus Figls eigenem Weingarten, den er im Kofferraum seines gepanzerten Dienstwagens immer mitführte, genussvoll und hörbar hinunter geschlürft.

Figls Dienstwagen, Foto: Privatbesitz

Alle Gesichtsminen entspannten sich bald, der General lächelte sogar, stand auf, kam hinter dem Schreibtisch hervor, klopfte Figl freundschaftlich auf die Schulter und forderte uns auf, sich um seinen großen Schreibtisch herum zu setzen, wonach wir über die geschäftlichen Dinge sprechen konnten. Meistens ging es um Lebensmittelzuteilungen an die verschiedenen Bezirke und um besondere Anlässe, die, zur Gültigkeit einer schließlich zwischen dem General und Figl getroffenen Vereinbarung, jeweils begossen wurden mit weiteren Wein-Nachschenkungen durch Poidl. Schließlich war alles ausgehandelt und wir durften wieder gehen und unsere noch immer gehbehinderten Polizisten aus dem Parterre abschleppen. Das war von den Russen absichtlich so gemacht als ein klarer Hinweis für die Bevölkerung und für die wartenden Reporter, dass es nicht sinnvoll und doch gar nicht notwendig sei, in der Sicherheit eines Russischen Territoriums, eine eigene Bewachung mitzubringen, was dann vor allem die Reporter, als Beweis dafür ganz klar vorgeführt bekamen.

In Matrei in Osttirol, im Hotel Rauter, angekommen und einquartiert, gab es immer gleich eine Menge an Post und an Nachrichten zu überbringen und zu erledigen. Es war üblich für alle ÖVP-Minister, wenigstens einmal aber nur kurz, einen Ferienbesuch beim Kanzler zu machen. Die Terminvereinbarungen und das Einhalten der Besuchszeiten hatte ich zu regeln, damit dem Kanzler ausreichend Zeit blieb für seine Erholung, für tägliche Spaziergänge und für die Jagd.

Bei den täglichen Nachmittags-Spaziergängen von zirka einer halben Stunde Dauer, standen an einigen Wegkreuzungen salutierende Dorfpolizisten, vor allem, um den Kanzler auch einmal aus der Nähe sehen zu können. Manche von ihnen hatten ihre Kriegs-Auszeichnungen nicht an ihren Uniformen angesteckt, weil sie zu Recht das Hakenkreuz als nicht mehr zeitgemäß empfanden. Als der Kanzler dann an ihnen vorbeigegangen war, sagte ich zu ihnen: ”Stecken Sie doch ihre Auszeichnungen an und seien Sie stolz darauf!”, was Figls diplomatisches Geschick zeigte, zumal am nächsten Tag die gleichen Polizisten, salutierend, auch noch ein freundlich strahlendes Gesicht zeigten.

Eine Ausnahme machte jedes Jahr der Bundesminister für Unterricht und Kunst, Felix Hurdes, weil er sich erlaubte, ein paar Tage bei seinem Freund Leopold Figl im Hotel Rauter einen Kurzurlaub zu verbringen. Dabei verlangte Hurdes, jedes Mal um Punkt 23 Uhr, dass die jeweils anwesende Tischrunde das “Wiener Fiaker Lied” singe. Seine “Dritten” saßen aber nicht ganz fest, weil es damals noch kein Kukident gab, was ihm beim berühmten Pfiff zwischen den Worten: “ ... i bin hoit .... a echt’s ...” sehr hinderlich war. Hurdes half sich aber, indem er beim Pfiff-Einsatz mit seinem Zeigefinger dirigierend auf mich zeigte, wonach ich den Pfiff zeitgerecht und laut einzufügen hatte. Figl fragte dann Hurdes, warum er gerade ausgerechnet dieses Lied mit dem typischen Pfiff gesungen haben wollte, wenn er doch nicht mehr pfeifen könne. Hurdes rief dann, auf mich zeigend: “Z’wos hab’n mir denn den Ivo?”, was weitere Heiterkeitsausbrüche und Gläseranstoßen mit sich brachte.

Figl hatte mich schon am Beginn des ersten Jahres meiner Sekretariats-Tätigkeit bei ihm, 1949, in seinem Matreier Urlaub darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich, auch nach größeren Mengen Alkohols, nicht auf meinem Sessel zurücklehnen und niemals einen Zungenschlag haben dürfe. Er meinte, daß ich mich, wenn ich nach den vielen Getränken am Tagesende nicht mehr geradeaus in mein Zimmer zu gehen vermöchte, vom Hotelpersonal notfalls in mein Bett abschleppen lassen könnte.
Familie Figl, Foto: Privatbesitz

Jeden Sonntag-Vormittag mussten Leopold Figl mit mir, als seinem Sekretär, auf einer vor dem Rauter-Hotel rasch aufgebauten Holztribüne, die Vorbeimärsche der verschiedenen Trachten-Musik-Kapellen aus den vielen Gemeinden Osttirols abnehmen. Jede Musikkapelle hatte mindestens zwei vorneweg marschierende Marketenderinnen mit kleinen hölzernen Schnapsfässern umgehängt und mit Zinnbechern in den Händen. Figl kaufte jeder Marketenderin mindestens einen Schnaps ab und gab viel Trinkgeld als Spende für die immer dringenden Instrumentenbeschaffungen der Dorf-Musikapellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als fleißig mitzutrinken. Nach etlichen Trachtenkapellen-Paraden waren wir mittags gerade noch in der Lage, mit einigen Kurven den Speisesaal im Hotel Rauter zu erreichen.

An einem dieser Sonntage erschien auf der Tribüne auch der Wolle-Firmeninhaber Amann. der sowohl in Wien, wie auch in New York, Geschäfte besaß und von Figl die rasche Zuteilung einer Export-Bewilligung für  billige Wolle aus Österreich nach den USA erhalten wollte. Sein Sohn hatte als Zeichen ihrer Wohlhabenheit fünf Leica-Fotokameras geöffnet und schussbereit sich um den Hals gehängt, was ihn nicht sympathisch erscheinen ließ. Amann machte am Ende seiner Begründungen für die zu seinen Gunsten gewünschte Genehmigung, den großen Fehler, Figl darauf hinzuweisen: “Eine rasche Erledigung wird nicht zu Ungunsten des Herrn Bundeskanzlers sein!”. Figls Gesichtsfarbe wechselte von rot auf weiß und wieder retour. Kurz danach tobte Figl und befahl mir, diesen Exportwunsch keinesfalls weiterzuleiten, denn er lasse sich doch nicht die Unverschämtheit der Annahme gefallen, er wäre durch eine Bestechung zu ködern. Erst nach drei Tagen hatte ich den empörten Figl wieder “auf dem Boden”, nachdem er jedes Mal auf den Plafond hochfuhr, wenn er nur schon das Wort Wolle oder Export hörte.  

Die Wiener Sängerknaben hatten zur gleichen Zeit mit der Familie Figl, aber in einem anderen kleinen Tal Osttirols, ihren Ferienaufenthalt und trugen ihre Lieder mit Aufführungen ein- bis zweimal auf der Matreier Festwiese vor. Figl mit Gattin Ilse und ihren beiden Kindern saßen in der ersten Reihe auf einem Klappstuhl im kurz gemähten Gras. Mein Platz war rechts neben dem Kanzler, während rechts von mir sein Sohn Johannes saß. Links vom Kanzler saßen seine Gattin und links neben ihr die Tochter. Figl war ein gerechter, aber auch ein sehr strenger Vater. Als Figl in der Pause aufstand, ich natürlich sofort mit ihm, und er seinen Sohn ansprach, der aber sitzen geblieben war, herrschte Figl seinen Buben sehr laut an, daß er sofort aufzustehen habe, wenn ihn sein Vater anspreche. Um diese Ungezogenheit den vielen Besuchern hinter uns nicht auffällig werden zu lassen, musste ich Figl, mit einigen “Pscht”, am Arm nehmen und versuchen, ihn wieder zu beruhigen.

Text: Medizinalrat Univ.Prof. Dr. IVO FRITHJOF FISCHER
Gerichtlich beeidet und zertifizierter Sachverständiger
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Chefarzt i.R. Gemeinn. Krankenhaus Mehrerau
Fellowship International College of Surgeons